Das mit der Diversität

Diversität, die - Auszug aus der Wikipedia:



„Diversität von Personen – sofern auch rechtlich relevant – wird klassischerweise auf folgenden Dimensionen betrachtet: Kultur (Ethnie), Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Behinderung, Religion (Weltanschauung).[1] Weniger ins Auge fallen eine große Zahl weiterer sozialisationsbedingter und kultureller Unterschiede wie Arbeitsstil, Wahrnehmungsmuster, Dialekt usw., die die Diversität einer Gruppe als ihre kulturelle Vielfalt weiter erhöhen und kontextabhängig ebenfalls der Aufmerksamkeit und ggf. der sozialen Anerkennung bedürfen.[2]“


Ich bin zur Zeit Vorstandsmitglied in einem Hackerspace. Meine Motivation, den Trägerverein mitzugründen und mich dort einzubringen war, in einer 200.000-Einwohner-Stadt Infrastruktur für technikinteressierte Menschen jeglichen Alters, jeglichen Temperaments und jeglicher Identität mit aufzubauen, um dort gemeinsam mit anderen Wissenserwerb und -verbreitung, Freude an Technik, Verlust von Technikangst, Bewusstsein für Netzpolitik und insgesamt erforderliche gesellschaftliche Veränderungen zu fördern und insgesamt ein kleines Stück heile, bessere Welt zu schaffen.


Das funktioniert auch. Im Prinzip. Praktisch bin ich mir da gerade nicht mehr so sicher.


Der Anlass für meine Zweifel: Es hat sich offensichtlich jemand unbehaglich gefühlt. Der exakte Grund ist mir nicht bekannt, den finde ich auch im Moment nicht wichtig, weil so etwas menschlich und individuell ist und immer vorkommen wird.


Was mich ärgert, sind die Reaktionen darauf.
Es gab einen öffentlichen Stoßseufzer eines anderen Vorstandsmenschen, in dem dieser sich sinngemäß die Gründung eines feministischen Hackerspaces oder die Aufnahme in einen solchen wünschte.


Sofort passierte exakt das, was immer passiert, wenn das „F-Wort“ in so einem Zusammenhang fällt: es wird beteuert, dass man nie eine Ausgrenzung erlebt hätte, es werden (spöttisch?) Hackerspaces für verschiedene andere "Gruppen" gewünscht, es wurde ein Twitter-Fake-Account zur Gründung eines feministischen Hackerspaces (sogar schriftlich gegendert) angelegt.


Also das übliche: Lächerlichmachen, das Beteuern, dass es etwas nicht gibt, das man selbst nicht spürt.
Selbstverständlich verspürt man im quasi eigenen Wohnzimmer kein Unbehagen, wenn man sich so verhält, wie man es gern möchte und gewohnt ist. Deshalb ist es ja gerade so wichtig hinzuhören, wenn Signale kommen, dass jemand, der nicht zum eigenen „Kulturkreis“ gehört (wie auch immer der gerade definiert ist) sich unbehaglich fühlt oder etwas nicht in Ordnung findet.


Ausgegrenzt habe ich mich im Space tatsächlich nie gefühlt, für mich ist das nach wie vor einer der Lieblingsorte und ich mag wirklich jedes einzelne Vereinsmitglied und die meisten Besucher auch. Bloß die Gruppendynamik, die sich hier gerade entwickelt, die mag ich ernsthaft nicht.


Unbehaglich ist mir allerdings schon ab und an: wenn Zoten erzählt werden, wenn die üblichen Geschlechterklischees geritten werden (auch wenn ich da sicher nicht mal eingeschlossen bin), wenn der Ton gegenüber Jüngeren irgendwie rechthaberisch ist, wenn über Dinge gelacht wird, die ich eigentlich mit Hilfe dieses Spaces verändern wollte.
Also unbehaglich, wie mir in einer reinen Männerrunde meistens ist, so dass es mir eigentlich kaum noch auffällt, weil ich so sozialisiert wurde und quasi als gute Freundin/guter Kumpel durchkomme und anteilig dazu gehöre.


Wir wollten möglichst viele Menschen erreichen, unabhängig von Alter, geschlechtlicher Identität, persönlichen Eigenschaften. Nur weil niemand etwas sagt, heißt das nicht, dass alles in Ordnung ist - gerade die Betroffenen werden so gut wie nie etwas sagen, wenn sie sich einer "verschworenen Gemeinschaft" gegenüber fühlen. Sie werden nichts sagen, sondern nicht wiederkommen.
Und so hatte ich mir das nicht vorgestellt mit dem offenen Raum und der doch so besonderen Technikkultur, die in einer 200.000-Einwohner-Stadt für so viele unterschiedliche Menschen wie möglich erreichbar sein sollten.
Uns fehlen die anderen Einflüsse und wir sollten froh sein, ab und an dazu daran erinnert zu werden, unseren Status zu prüfen, sonst schwimmen wir demnächst in genau der Alltagssuppe, aus der wir raus wollten.


Anmerkung 1:
Kritik in diesem Punkt heißt nicht, dass der Space schlecht ist: im Space passiert gerade unheimlich viel Schönes, Tolles, Interessantes - mehr, als ich anfangs zu hoffen wagte.


Anmerkung 2:
Selbstverständlich wäre das ganz von selbst anders und einfacher, wenn bereits jetzt eine größere Diversität vorhanden wäre und sich mehr Menschen (einschließlich mir selbst) aktiv einbringen würden. Durch Unachtsamkeit wird sich das nur auch nie ändern.

"Angst essen Seele auf" und "Am Rande des Abgrunds"



Ich las gestern zwei Texte, die gar nichts miteinander zu tun haben, die aber bis heute Morgen im Unterbewusstsein präsent waren. Im Zusammenhang spiegelt sich aus meiner Sicht die Zerrissenheit, mit der viele gerade kämpfen.

Der eine war "Angst essen Seele auf" bei Carta, der andere ein Beitrag im Wikipedia-Kurier unter der Überschrift "Am Rande des Abgrunds".

Zum Carta-Beitrag:

„AfD und Pegida versprechen die Rückkehr in die Vergangenheit.“

Das lese und höre ich immer wieder und habe es auch oft genug selbst so gesagt. Allerdings machen wir es uns mit dieser Sicht zu leicht und sind schon wieder elitär arrogant.

Da AfD-Wähler „die Vergangenheit“ (welche eigentlich genau?) nicht aus eigenem Erleben kennen, könnten sie das zumindest theoretisch durchaus für zukunftsfähig halten.
Ich habe da wenig Austausch und weiß einfach nicht, ob das tatsächlich eine Sehnsucht „nach früher“ ist oder ob da einfach, mit dem Fuß aufstampfend, "stabile Verhältnisse" gewünscht werden (was immer das auch sein mag).

Dann wäre es wie in anderen Situationen auch: Mensch müsste diesen Menschen massiv klarmachen, dass „Mit-dem-Fuß-aufstampfen“ und „Schreiend-auf-den-Boden-werfen“ an der Realität reinweg gar nichts ändern, sondern nur Kraft und Energie verschleudern und man bitte tragfähige Lösungsvorschläge für die Situation unterbreiten möge. Dass „stabile, sichere Verhältnisse“ nicht hergezaubert werden können, sondern gemeinsam entwickelt werden müssen - über Nationalstaaten und Regionen hinaus.

Vielleicht wäre es auch gut, auf allen Kanälen immer wieder aufzuzeigen, wie die Lebenswirklichkeit „früher“ für die Allgemeinheit war, jenseits von allen romantisierenden Geschichten. Konkret an Beispielen darstellen, wo der eigene Platz heute wäre, wenn alles noch „wie früher“ wäre - meiner z. B. mit ziemlicher Sicherheit als Tagelöhnerin auf einem Feld irgendwo in Sachsen-Anhalt.

Vielleicht wäre es ebenfalls gut, immer wieder aufzuzeigen, dass es eine „richtige Politik“ nicht gibt, sondern einfach nur gemeinsam vereinbarte Grundregeln, an denen politisches Handeln ausgerichtet wird, weil einfach niemand vorher weiß, was tatsächlich geschieht und was sich wie auswirken wird. Auch sehr gute Strategien müssen nicht aufgehen - müsste eigentlich jeder schon erlebt haben.

Genauso gut wäre es sicher, immer wieder aufzuzeigen, was heute agierende Generationen in Europa einfach auch für ein Glück hatten, in der Regel von Umwelteinflüssen, Kriegshandlungen etc. verschont geblieben zu sein. Was es für ein Glück ist, in Frieden zu leben, in der Regel ein Dach über dem Kopf zu haben, zum Arzt gehen zu können, nicht zu hungern, die Kinder in die Schule schicken zu können etc.

Vor allem wäre aus meiner Sicht jetzt eins wichtig: immer wieder laut und fordernd auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Menschen zu beharren: Menschlichkeit, weil wir sonst gleich an die KI abgeben könnten.
(Ja, hier kommen die unterschiedlichen Menschenbilder und die Kritik am Humanismusbegriff ins Spiel … ich weiß … aber auch das zu verdeutlichen und zu diskutieren, wäre vielleicht hilfreich.)

„Ihr Erfolg wird durch das dramatische gesellschaftliche Versagen der Digital Natives erleichtert. Mit tollen Ideen denken sie die Zukunft, arbeiten dafür und werden sie auch gestalten. Aber sie halten es nicht für notwendig, in der Öffentlichkeit für ihr Bild unserer Zukunft einzutreten.“

Sorry? „Digital Natives“ als homogene Gruppe, 2016? Ernsthaft?

Ich mache es mir hier jetzt einfach und verweise auf Philippe Wampfler, der das Problem 2014 aus meiner Sicht gut zusammengefasst hat: "Bitte verzichtet auf den Begriff Digital Natives".

Das ist doch jetzt Romantisieren pur: die „Digital Natives“ hätten generell gute Ideen, schafften es nur nicht, die in die Öffentlichkeit zu bringen. Solange wir damit nicht endlich aufhören, wird das nichts.

Da sind eine Menge Menschen, egal, ob „Digital Natives“ oder nicht, die in der Öffentlichkeit für Zukunftsbilder und ihre politischen Positionen eintreten.
Solange nur der gesellschaftliche Diskurs nicht ehrlich geführt wird, dass die „alten“ Bedingungen auch mit Fußaufstampfen nicht aufrechterhalten werden können, dass es also nicht mal eine Folge von „Wollen“ oder Inkompetenz der Verantwortlichen ist, wird da alles Engagement verpuffen.

Dieser Diskurs hätte seit Jahren auf allen Ebenen geführt werden können und müssen, Ulrike Herrmann hat es z. B. 2010 mit ihrer Analyse der deutschen Mittelschicht versucht (Klappentext von "Hurra, wir dürfen zahlen" - Der Selbstbetrug der Mittelschicht).

Das war alles schon so lange spür- und greifbar, allerdings wurde sich vor den heraufziehenden Problemen allgemein weggeduckt, sowohl politisch als auch privat.
Indiz für mich persönlich waren z. B. die sorgsam gepflegten Reihenhausvorgärten in der „Lego-Siedlung“ bei mir um die Ecke, die nach Zeitschriftenvorbildern gestaltet aussehen, und die Anzahl der teuren Outdoor-Spielgeräte in diesen einzelnen Gärtchen. (Hier errichtete man sich eine private Idylle, die vom Einzelnen schwer - oder gar nicht? - erhalten werden kann und die man mit allen Mitteln verteidigen wird, bis hin zum Untergang.)
Auch gut als Indiz: die Diskussionen auf Elternabenden, fast egal, zu welchem Thema: immer wieder standen das Wohl/das Befinden/die Wünsche des eigenen Kindes im Mittelpunkt, fast nie ging es um Strukturen oder Bedingungen für alle.

Warum ich das (eventuell allen Altbekannte?) wieder aufwärme?

Jetzt kommen „die Digital Natives“ mit ihren angeblich tollen Ideen für ein Bild unserer Zukunft ins Spiel:

Zum einen die Feststellung, dass einige der älter werdenden Protagonisten, mit denen ich selbst vor Jahren die Hoffnung auf ein besseres, zukunftsgewandtes Menschen-/Gesellschaftsbild verbunden habe, sich exakt nicht anders verhalten, als der Durchschnitt der Generationen vor ihnen. Der gerade von dieser Personengruppe oft und gern zitierte Douglas Adams brachte das, amüsant verkleidet, auf den Punkt: "I’ve come up with a set of rules that describe our reactions to technologies:".

  • Ich bin der vielen sich immer nur im Kreis drehenden Diskussionen zum Beispiel zu den Themen Datenschutz, Datensammeln, Überwachung etc. so müde. Klar, diese Themen sind extrem wichtig. Aber wir können uns noch so auf Schenkel klopfen aus Freude oder Häme über die Beschränktheit der anderen oder auf die Schulter klopfen aus Freude über kleinere „Siege“ und "unsere Helden" feiern - das ändert für das Leben der Allgemeinheit konkret: nichts. Wir sind noch so ganz am Anfang der Möglichkeiten und schränken uns selbst durch dieses Im-Kreis-Drehen schon so sehr ein.

  • Ich bin so satt von der Überheblichkeit, die immer noch an den Tag gelegt wird, nur weil mensch sich mit Hard- und Software angeblich besser auskennt, dabei aber vergisst, dass das exakt Werkzeuge sind wie alle anderen, solange mensch damit nichts anderes, "weltverbesserndes" erreicht.

  • Wir regen uns seit Jahren/Jahrzehnten über Betriebssysteme auf; mein persönlicher Stand heute: ich kann Auftraggebern gegenüber wunderbar gegen den Einsatz von Windows 10 argumentieren, eine Alternative kann ich ihnen jedoch immer noch nicht anbieten.

  • ...

Zum anderen ist es die Feststellung, dass auch bei digitalen Projekten die Welt kein bisschen anders funktioniert als bei analogen.

Ich brauche bloß an Diskussionen auf Wikimedia-Mitgliederversammlungen zu denken oder im Wikipedia-Kurier oder den Foren zu lesen, um zu sehen und schmerzhaft zu begreifen, dass es auch dort im Endeffekt häufig um Besitzstandswahrung geht und mit dem Argument der Ineffizienz oder Nutzlosigkeit strategische Planungen in Frage gestellt und in die Zukunft gerichtete Projekte lächerlich/klein gemacht werden.

Wir schaffen es also nicht mal innerhalb der eigenen „Blase“, uns verständlich zu machen, unsere Ideen von Zukunft begeisternd zu vermitteln. Wie soll das dann so bei Menschen, die sich über diese Dinge noch nie Gedanken gemacht haben (egal, welcher Jahrgang), funktionieren?

Wenn es nicht endlich gelingt, diese Überhöhung von Technik/Technologie über andere Lebensbereiche aufzulösen und endlich im Alltag mit all den unbequemen und lästigen Erfordernissen und Diskussionen anzukommen, wird das nichts.

Ich zum Beispiel wünsche mir Roboter, die meine zur Zeit langweilige und geistig unterfordernde Haupterwerbsarbeit erledigen, keine Pflegeroboter, die humanoid gestaltet sind.
Es ist nur offensichtlich viel einfacher, bequemer und gesellschaftlich höher bewertet, sich mit der Entwicklung von Pflegerobotern auseinanderzusetzen, als sich die konkreten Fähigkeiten zum Pflegen eines Menschen mit allen Facetten anzueignen und das auch praktisch anzuwenden.

Es sieht momentan so aus, als würde das kleinste gemeinsame Merkmal der Menschheit - Menschlichkeit - an Bedeutung verlieren. Hier können wir von mir aus direkt an die KI/AI übergeben:

„Lieber AlphaGo als Staatsoberhaupt als Frauke Petry.“

(ist sinngemäß von Twitter geklaut, war dort aber auch nicht "ordentlich" zitiert)

Selftracking, BigData und Persönliches

Aus ernsthaften gesundheitlichen Gründen habe ich 2013 angefangen, ununterbrochen einen fitbit zu tragen und die meisten damit erfassbaren Werte zu tracken.
Vorher habe ich ziemlich genau abgewogen, ob ich das wirklich will: meine Körperdaten über einen fremden Dienst „in der Cloud“ aufbewahren und synchronisieren (aus den geschlossenen Geräten kann man die Daten nicht direkt auslesen).
Aufgrund mangelnder praktischer Alternativen habe ich mich dann trotzdem pragmatisch dafür entschieden.

Wie ich das Gerät für meine persönlichen Zwecke brauchbar gemacht habe, habe ich im Sommer auf der Enthusiasticon beschrieben, die Slides sind hier, der Mitschnitt kann hier aufgerufen werden.

Mit Hilfe der erhobenen Daten und entsprechender Vergleiche ist es mir gelungen, eine chronische und als nichtheilbar klassifizierte Erkrankung „in den Griff“ zu bekommen und einen ganz normalen Alltag zu leben.

Ich bin heute sehr froh, damals die Entscheidung gegen Datenschutzbedenken und für „BigData“ getroffen zu haben.

Was ich durch eine sportmedizinischen Untersuchung seit heute sicher weiß:

  • wie schwer meine einzelnen Gliedmaßen und der Rumpf getrennt sind (ich hatte mir nie darüber Gedanken gemacht, dass linker Arm und rechter Arm und linkes Bein und rechtes Bein ernsthaft ein unterschiedliches Gewicht haben, dabei ist das eigentlich logisch),

  • dass ich 1,5 Zentimeter größer bin, als ich immer gedacht habe

  • dass mein Körperfettanteil wesentlich geringer ist, als ich selbst die ganze Zeit gemessen und angenommen hatte, und dass da tatsächlich fast keine Reserven mehr sind,

  • dass ich viel zu wenig Energie aufnehme, obwohl ich mich exakt innerhalb der von Ernährungsberatern vorgegebenen Durchschnittswerte bewege, über den fitbit quasi ein zeitgenauer Abgleich zwischen Aufnahme und Verbrauch erfolgt und mein Körper wahrscheinlich deshalb seit einigen Wochen streikt,

  • dass man tatsächlich leider als schlanker Mensch ganz anders behandelt und ernst genommen wird als als übergewichtiger, obwohl man einen wesentlich schlechteren Gesundheitszustand hat und eigentlich zusammengestaucht gehört,

  • dass in dieser Leistungsgesellschaft in diesem Bereich auf einmal Ineffizienz gefeiert wird: Es ist angeblich toll und beneidenswert, dass ich allein zum Schlafen, Atmen und für die Körperfunktionen 50 % mehr Energie verbrauche als der vergleichbare Durchschnittsmensch, weil ich so viel mehr essen könnte, ohne zuzunehmen - diese Sichtweise ist einfach kaputt.

Was ich gern an andere weitergeben möchte:

  • eure Daten sind nur so gut, wie die Genauigkeit, mit der sie erhoben wurden
  • die Auswertung eurer Daten ist nur gut und hilfreich, wenn ausreichend Vergleichsdaten zur Verfügung stehen - und zwar unabhängig von den Datenbanken der jeweiligen Anbieter
  • medizinische Geräte sind nach wie vor genauer als die im Handel für Normalverbraucher erhältlichen, so zuverlässig die auch wirken mögen
  • es lohnt sich, bei nicht erklärbaren Abweichungen Individualwerte bestimmen zu lassen
  • es lohnt sich, bei ungeklärten Krankheitsbildern eine eigene Datensammlung zu haben, weil sich auf einmal auf Augenhöhe mit Medizinern über vorher Unerklärliches sprechen lässt und gemeinsam Ideen entwickelt werden können
  • in Sachen Lebensmasse: es gibt, auch wenn es gerne bestritten wird, mit derzeitigen Standardmethoden unerklärliche Dinge - zum Beispiel benötige ich augenscheinlich 700 kcal allein für den Ruhegrundumsatz mehr als die Vergleichspersonen der Datenbanken und kann offensichtlich wirklich am besten mit Fett und Eiweiß und ohne Kohlenhydrate überleben. Den Denkanstoß dafür gab vor ein paar Jahren ein Naturheilkundler. :D
    Es lohnt sich also durchaus, ab und an mit offenen Augen nach anderen Wegen zu suchen, auch wenn man eigentlich von nicht anerkannten Methoden nicht viel hält.
  • wir brauchen dringend offene Hardware:
    • die individuellen Werte können z.B. in den fitbit nicht eingegeben werden; der Grundumsatz wird immer aus der vorhandenen Datenbank errechnet
    • wir müssen diese Daten erheben und selbst auswerten und austauschen können, ohne an proprietäre Dienste gebunden zu sein.

Falls jemand Interesse an der Gesundheitssache hat: bitte individuell melden, ich bin da durchaus am Austausch interessiert.
Stichworte: Fibromyalgie, Nitrostress, ATP, Mitochondrien, Kohlenhydratunverträglichkeit

Freies Bewegen im öffentlichen Raum

Mag sein, dass ich gerade überempfindlich bin, weil ich neu herausfinden muss, wie ich nach Umzug und geänderten Anforderungen meine Wege am besten (effizientesten) gestalte und damit einfach noch kein Sicherheitsbauchgefühl aufkommen will. Das sollte nur eigentlich keine Rolle spielen.

Gestern Abend, kurz vor 21:00 Uhr an einer Bushaltestelle in Berlin, Hauptverkehrsstraße, gut beleuchtet, von mehreren Buslinien „bedient“ - also nicht abgelegen. Weitere Menschen warten im Unterstand.

Ich stehe, da an dem Tag bereits genug fremde Menschen in direkter Nähe gehabt, ein paar Meter abseits, Kopfhörer auf, in Gedanken versunken, bemüht, trotz Müdigkeit nicht zu grimmig zu schauen.
Jüngerer Mann stellt sich in die Nähe, kurzer Blickkontakt, keine weitere Interaktion, weiter Musik hören, nachdenken und warten.

Plötzlich Worte, die ich anfangs nicht mal als an mich gerichtet wahrnehme. Dann kommt dieser Mensch direkt an mich heran, spricht mich gezielt an. Kopfhörer ab in der Annahme, dass er eine Frage hat. Dann prasselt ein Wortschwall an Beschimpfungen auf mich ein, nicht geschrieen, eher leise, sehr nachdrücklich mit sehr ernstem Blick vorgebracht; dabei mehrfach der Hinweis, dass er mich gleich vor den nächsten Bus stoßen würde, wenn ich ihm nicht zuhöre. Man würde fremde Menschen nicht anlächeln (ich glaube, das war es, was ihn so aufgebracht hat: der Blickkontakt) und wenn ich ihm nicht zuhören würde, würde ich gleich so aussehen wie die Reifenspuren auf der Straße.

Ich setze die Kopfhörer wieder auf, bewege mich in Richtung Unterstand, er kommt hinterher und redet weiter, deutet immer wieder auf die Reifenspuren, wird lauter: ob ich ihn verstanden hätte.
In meiner LmaA-Stimmung nehme ich die Kopfhörer ab, sage ihm, dass er tun soll, was er nicht lassen kann, setze die Kopfhörer wieder auf, bleibe an der Stelle stehen, warte ja auf den Bus. Mulmiges Gefühl.
Die Menschen im Unterstand sind entweder sehr beschäftigt oder schauen in eine andere Richtung. Kurz die Überlegung, jemanden anzusprechen, aber eigentlich ist ja nichts passiert, nur ein mulmiges Gefühl, eigentlich kein Grund für Panik.

Was gereicht hätte, mir Sicherheit zu vermitteln: eine einzige Person, die mir signalisiert, dass sie die Situation erfasst hat - entweder durch Blickkontakt oder einige Schritte auf mich zu oder vielleicht die Frage, ob alles in Ordnung ist.
Klar riskiert man, sich lächerlich zu machen, wenn man die Situation falsch erfasst hat. Bloß was macht das schon - gehen doch eh alle gleich wieder in verschiedene Richtungen auseinander.

Wir können über Überwachungskameras diskutieren, über geschützte Räume, wir können uns über „Monster“ aufregen - das alles macht es überhaupt nicht besser. Ein einziger Schritt, ein Moment Aufmerksamkeit für eine ungewöhnliche Situation, ein kleines bisschen Mut/Energie aufbringen für eine (wertfreie) Nachfrage würden das Sicherheitsgefühl für alle wesentlich und auf Dauer erhöhen.

Ich kann mir jetzt überlegen, ob ich (scheinbar) sicher U-Bahn fahre und eine Stunde Zeit vergeude, da durch längeren Fußweg, Umsteigen und Fahrgastzahlen nicht für etwas Sinnvolles nutzbar, oder ob ich die mir Angst machende Wartesituation an zwei Bushaltestellen in Kauf nehme und dafür während fast einer Stunde Fahrzeit Dinge aufarbeiten kann.
Bin mir noch nicht sicher. Freies Bewegen im öffentlichen Raum.

Diese Sekundenbruchteile

der Unaufmerksamkeit, die das Leben irreversibel verändern und die man sich nie verzeiht

2004 - bis eben war noch alles gut. Stressig, aufreibend, nervig zum Teil, aber trotzdem gut. Rückblickend: richtig gut.

Donnerstag, abends, zwischen 19:00 und 20:00 Uhr, Dunkelheit, auf dem Rückweg vom Hektik-Not-Kinderschuh-Einkauf in irgend so einem dämlichen riesengroßen Stadteil-Einkaufszentrum.
Im Auto, fahrend, das Kind neben mir gerade geschafft eingeschlafen. Dreispurige Straße, links abbiegen auf dem Weg nach Hause an den Stadtrand. Müde, eigentlich sollte man so nicht Auto fahren. Aber: es wäre ohne Auto alles gar nicht zu schaffen gewesen. An diesem Tag wie an den anderen auch. Der Mann auf irgend so einer Dienstreise, wie so oft, dieses Mal Messe, also länger.

Die letzten Meter noch, heim, das Kind ins Bett bringen; der nächste Tag sollte der letzte Einarbeitungstag in der neuen Firma sein, ab Montag sollte ich die Personalsachbearbeitung inklusive Gehaltsabrechnung in einem Pflegedienst allein übernehmen. Also tausend Dinge im Kopf. Und müde, unfassbar müde.
Links einordnen, sehr breite Straße, Lichter blenden. Langsam vor fahren in den Kreuzungsbereich - war das jetzt Linksabbieger-Grün oder Geradeausfahrer-Grün? Lieber stehen bleiben und noch mal schauen.

Da kommt das Auto, bremst, aber hält nicht an, fährt voll in die Seite vom Micra, lauter Knall, Scheiben splittern, das Kind fliegt im Gurt nach vorn und wird vom Gurt wieder zurückgezogen. Die Wahrnehmung - wie in Zeitlupe, wie im Film.
Will zum Kind greifen, komme nicht ran: der Gurt. Der Rahmen vom Auto ist total verzogen. Das Kind blutet im Gesicht. Es jammert: „Ich will jetzt nicht sterben, Mama, ich will nicht sterben.“ Das einzige, was ich machen kann, ist beruhigend immer wieder zu sagen: „Hey, Du stirbst nicht, keine Angst, Du stirbst nicht. Ich verspreche Dir das. Hier sind viele Leute, die helfen uns.“ Ich komme nach wie vor nicht ran, stecke einfach im Gurt fest. Alles ist so unwirklich.

Draußen stehen viele Menschen und versuchen, die Tür aufzumachen, es gelingt nicht. Verbandsmaterial wird durch das scheibenlose Fenster gereicht und dem Kind auf die - offensichtlich vorhandene - Schnittwunde gedrückt. Ich sehe ja nichts, hänge ja immer noch im Gurt fest, kann nichts tun, außer warten und ruhig mit dem Kind sprechen. Bin wie versteinert.
Die Leute von draußen reden auf mich ein: der Rettungswagen sei unterwegs, Polizei käme gleich, ich solle sitzen bleiben.

Dann kommt der Rettungswagen. Den Sanitätern gelingt es irgendwie, die Türen aufzubekommen, das Kind herauszunehmen, mich aus dem Gurt zu befreien.
Ich bin den beiden heute noch wahnsinnig dankbar: stoisch haben die uns durch die vielen Leute geführt: einer das Kind auf dem Arm, der andere mich am Arm, einfach geradeaus zum Rettungswagen. „Sie kommen jetzt einfach mit, hier kümmert sich jetzt die Polizei um alles, das lassen wir jetzt alles stehen und liegen, machen Sie sich keine Sorgen, Sie kommen jetzt einfach mit.“
Rettungswagen, Sanitäter versorgen uns, lassen mich endlich zum Kind und ich kann die Verletzungen sehen. Schnittwunden auf der rechten Gesichtshälfte, zum Teil Splitter unter der Haut. Wir fahren ins Krankenhaus, Notaufnahme. Zum Glück ein Haus mit Kinderstation.
Pullover soll zerschnitten werden: das Kind ist außer sich. Ich darf mit dort bleiben. Soll Familie informieren. Wen informieren? Ich bin allein mit dem Kind in München, der Mann ist unterwegs in Berlin oder Hannover, bin mir da gar nicht mehr sicher, Messe eben. Familienangehörige, Freundeskreis: alle fast 500 km weg. Okay, dann wenigstens den Mann anrufen. Auf dem Telefon Anrufversuche von ihm, klar, der wundert sich, dass um die Zeit niemand zu Hause zu erreichen ist. Ich rufe zurück, muss irgend etwas gesagt haben wie: „Wir sind im Krankenhaus, hatten einen Autounfall, alles ist gut, mach Dir keine Sorgen.“ Und muss aufgelegt haben - mit Mobiltelefon im Krankenhaus geht ja nicht. Und außerdem war ja die Information übertragen, mehr ging nicht, das Kind wartete ja im Notaufnahmeraum.

OP ist nötig, Narkose ist ein Problem, weil wir ja gerade im Einkaufscenter noch etwas gegessen haben. Was tun? Ich soll entscheiden. Wie entscheidet man da? Örtliche Betäubung und Kind traumatisieren? Narkose und Risiko von Erbrochenem in der Luftröhre eingehen? Ich weiß es einfach nicht. Das Kind schaut mich mit großen Augen an, versteht ja alles und kombiniert die ganze Zeit - das verstehen widerum die Ärzte nicht. Wir entscheiden uns dann für Narkose. Das heißt, ein beherzter Kinderarzt traut sich, mir die Empfehlung zu geben: er würde für sein Kind jetzt entscheiden, dass es eine Narkose bekommt. Und ich unterschreibe dann diese fürchterlichen Papiere.
Begleite das Kind noch bis zur Tür vom OP-Bereich, helfe bei der Medikamentengabe, Tür geht auf, Kind fährt durch, Tür geht zu. Kind ist weg.

Ich stehe alleine auf dem Flur. Eine Krankenschwester kommt und meint, sie wollten jetzt endlich mal nach mir sehen. Diverse Prellungen, ich merke nichts. Ich will nur zu meinem Kind und kann nicht hin, muss warten. Alleine. Der Mann rief zwischendurch an, er würde sich ein Auto vom Kollegen leihen und nach Hause kommen. Irgendwie schaffe ich es, ihm das auszureden: war logisch und rational Blödsinn. Es hätte ewig gedauert, bis er da gewesen wäre, er hätte gar nichts machen können und mir ging es ja soweit gut.

Zwischendurch kommen zwei Polizisten, bringen mir meine Tasche mit Papieren, nehmen Daten und Aussage auf, erklären, dass das Kind sehr gut angeschnallt war, es wäre sonst durch die Frontscheibe geflogen bei dem Aufprall. Sie hätten hinterher eine Verkehrskontrolle durchgeführt, bei der sie mehrere unangeschnallte Kinder festgestellt hätten. Ich solle mir keine Vorwürfe machen.

Vorwürfe. Meine Gedanken rattern. Der Tag war von vornherein viel zu vollgepackt. Eine Stunde Weg zur Kita, von dort eine halbe Stunde zur Arbeit. Langer Arbeitstag, da langer Kita-Tag mit Museumsbesuch. Gut fürs Stundenkonto. Zwischendurch in den Waschsalon um die Ecke, weil die Waschmaschine ausgerechnet jetzt kaputt gehen musste und ich am Samstag mit dem Kind zum Geburtstag der Mutter fahren will. Feststellen, dass das Kind keine passenden Halbschuhe mehr hat. Frühlingswetter und Winterstiefel, das geht gar nicht, du arbeitende Rabenmutter, also noch irgendwie Schuhkauf einplanen. Kind 17:30 Uhr von der Kita abholen, mitten in München, an den Stadtrand nach Hause fahren, zwischendurch ins Einkaufszentrum. Mit der Wäsche im Kofferraum. Selbst kaum was gegessen, müde von der anstrengenden Einarbeitung. Müdes, glückliches Kind, das aus einer Picasso-Ausstellung kam und erzählen wollte. Schön, aber eben auch anstrengend. Schuhe kaufen mit Kindergartenkind. Auch das ohne Theater und Gezerre hinbekommen. Noch gemeinsam entschieden, was wo gegessen wird, gut unterhalten dabei, endlich nach Hause fahren können. Bis dahin war alles gut, richtig gut. Anstrengend, sehr, aber gut. Wir haben immer alles gut hinbekommen.

Dieses Mal hätte ich nicht fahren dürfen. Ich habe genau gemerkt, dass dieser Tag für mich selbst viel zu viel war, und wollte nicht aufgeben. Bin, wie so oft, wieder über alle Körpersignale hinweggegangen, um, wie immer, alles gut hinzubekommen. Alles nur eine Frage der Organisation, Frau Geht-nicht-gibt-es-nicht.
Das war jetzt die Quittung. Nur dass nicht ich im OP lag, sondern das Kind. Das überhaupt gar nichts dafür konnte. Dem der Tag mit Sicherheit auch viel zu viel war, das aber, auch wie fast immer, kooperativ mit mir mitgezogen hat.

Tür geht auf, Kind wird herausgeschoben, Kinderarzt schaut mich freundlich an und sagt, dass alles okay ist, er organisiert hat, dass ich mit dem Kind alleine im Aufwachraum sein kann, wenn ich das möchte. Sicher möchte ich das.
Dann stehe ich neben dem Bett, sehe mein Kind, das noch zierlicher und verletzbarer wirkt, als sowieso schon. Und mir wird klar, wie haarscharf das gerade war.

Da sorgt man sich um so Sachen wie Qualität der Kinderbetreuung, ob Montessori-Schule oder nicht, findet Kleinkram, der die Kinderseele beschädigen könnte, wahnsinnig wichtig und ist dann so unverantwortlich und riskiert wegen Halbschuhen das Leben genau des sonst so umsorgten Kindes. Weil man zu feige und zu stolz ist, sich selbst und anderen gegenüber zuzugeben, dass eigentlich alles zu viel ist, dass man überlastet ist ohne Ende, dass man nur noch funktioniert und nicht ohne Grund kaum noch reden und etwas unternehmen mag. Weil man die Auseinandersetzung nicht führen möchte, weil es doch irgendwie gehen muss, wenn man sich nur anstrengt und wirklich will. Nicht man: ich.
Und ich soll mir keine Vorwürfe machen.

Ab diesem Zeitpunkt geht alles nur noch mechanisch. Es sind schöne Dinge geschehen, zum Beispiel Nachbarn, die geholfen haben, weil wir sie vorher auch unterstützt haben (was mir nicht mal bewusst war), z. B. ein Taxifahrer, der mich zum kaputten Auto auf dem Abstellgelände gefahren hat, um die gesamte Familienwäsche dort rauszuholen (die war wirklich noch da, ein Wunder), und der unglaublich freundlich und hilfsbereit war.
Ich habe drei Tage später, also am Montag nach dem Unfall, meinen geplanten Dienst begonnen - mit Kind im Schlepptau und Rollkoffer, weil ich aufgrund von Prellungen nichts tragen konnte - die Gehälter mussten ja berechnet werden und außerdem war ich so froh, eine qualifizierte Anstellung gefunden zu haben, trotz Kind. Habe also nicht mal im Anschluss dem Kind die Ruhe gegönnt, die es wahrscheinlich dringend gebraucht hätte, sondern habe immer weiter durchgezogen.
So verantwortungslos muss man erst mal sein. Es war aber auch niemand da, der mich gebremst hätte. Alle fanden immer nur bewundernde Worte, wie man sich durchbeißt und alles möglich macht.

Das nächste war dann, dass automatisch Ermittlungen wegen Körperverletzung eingeleitet werden, wenn ein Kind verletzt wird, auch wenn es das eigene ist. Der Mann musste also zur Polizei und dort explizit erklären, dass er auf Strafverfolgung gegen mich verzichtet. Und ich sollte mir keine Vorwürfe machen.
Später wurde festgestellt, dass ich angeblich keinen wirklichen Fahrfehler begangen hätte, Zeugen hätten das so ausgesagt. Im anderen Auto saß eine Fahranfängerin mit drei Freundinnen, die aus Unerfahrenheit nicht gut reagiert hätte, es sei Pech gewesen.

Bloß: ich selbst weiß es besser. Dieser Bruchteil einer Sekunde Unaufmerksamkeit hätte 6 Menschen das Leben kosten können. Und der einzige, der ernsthafte körperliche Schäden genommen hat, war der Mensch, der mir der wichtigste auf der ganzen Welt ist und den ich bis zu diesem Zeitpunkt mit ganzem Einsatz umsorgt und von allen Gefahren von außen fernzuhalten versucht hatte.

Ich sehe das Kind heute noch fast jede Nacht in Richtung Frontscheibe fliegen und höre das „Ich will jetzt nicht sterben“ im Schlaf, komme innerlich nicht zur Ruhe, eine chronische Schmerzkrankheit hat sich verfestigt, unsere Familie gibt es so nicht mehr, weil ich die Geschichte einfach nicht loslassen und nicht mehr vertrauen konnte.
Und dabei ist noch nicht mal etwas wirklich Einschneidendes passiert: ein Autounfall mit leichten Verletzungen, passiert jeden Tag, vielen Menschen. Sich nach so vielen Jahren immer noch verrückt zu machen, ist absolut nicht logisch und angemessen. Das zu wissen macht es nur nicht besser.

Warum jetzt das alles?

Der Gedanke, im Menschengewühl auf einem vermeintlich sicheren Behördengelände mein Kind für eine Sekunde von der Hand gelassen und dann aus den Augen verloren zu haben - unfassbar.
Die Eltern des kleinen Jungen, der auf dem LAGeSo-Gelände verschwunden ist und nicht mehr lebt, hatten einfach nicht mal eine Chance, ihn zu beschützen. Sie haben alles richtig gemacht, wollten Ihrem Kind eine bessere Zukunft sichern, sind dafür Risiken eingegangen, haben es die ganze Zeit beschützen können und verlieren auf endlich sicherem Boden durch Umstände, die sie nicht zu verantworten haben, komplett die Kontrolle.

Wie überlebt man so etwas?

Und: warum kann so etwas hier, mitten zwischen uns, geschehen?