Diese Sekundenbruchteile

der Unaufmerksamkeit, die das Leben irreversibel verändern und die man sich nie verzeiht

2004 - bis eben war noch alles gut. Stressig, aufreibend, nervig zum Teil, aber trotzdem gut. Rückblickend: richtig gut.

Donnerstag, abends, zwischen 19:00 und 20:00 Uhr, Dunkelheit, auf dem Rückweg vom Hektik-Not-Kinderschuh-Einkauf in irgend so einem dämlichen riesengroßen Stadteil-Einkaufszentrum.
Im Auto, fahrend, das Kind neben mir gerade geschafft eingeschlafen. Dreispurige Straße, links abbiegen auf dem Weg nach Hause an den Stadtrand. Müde, eigentlich sollte man so nicht Auto fahren. Aber: es wäre ohne Auto alles gar nicht zu schaffen gewesen. An diesem Tag wie an den anderen auch. Der Mann auf irgend so einer Dienstreise, wie so oft, dieses Mal Messe, also länger.

Die letzten Meter noch, heim, das Kind ins Bett bringen; der nächste Tag sollte der letzte Einarbeitungstag in der neuen Firma sein, ab Montag sollte ich die Personalsachbearbeitung inklusive Gehaltsabrechnung in einem Pflegedienst allein übernehmen. Also tausend Dinge im Kopf. Und müde, unfassbar müde.
Links einordnen, sehr breite Straße, Lichter blenden. Langsam vor fahren in den Kreuzungsbereich - war das jetzt Linksabbieger-Grün oder Geradeausfahrer-Grün? Lieber stehen bleiben und noch mal schauen.

Da kommt das Auto, bremst, aber hält nicht an, fährt voll in die Seite vom Micra, lauter Knall, Scheiben splittern, das Kind fliegt im Gurt nach vorn und wird vom Gurt wieder zurückgezogen. Die Wahrnehmung - wie in Zeitlupe, wie im Film.
Will zum Kind greifen, komme nicht ran: der Gurt. Der Rahmen vom Auto ist total verzogen. Das Kind blutet im Gesicht. Es jammert: „Ich will jetzt nicht sterben, Mama, ich will nicht sterben.“ Das einzige, was ich machen kann, ist beruhigend immer wieder zu sagen: „Hey, Du stirbst nicht, keine Angst, Du stirbst nicht. Ich verspreche Dir das. Hier sind viele Leute, die helfen uns.“ Ich komme nach wie vor nicht ran, stecke einfach im Gurt fest. Alles ist so unwirklich.

Draußen stehen viele Menschen und versuchen, die Tür aufzumachen, es gelingt nicht. Verbandsmaterial wird durch das scheibenlose Fenster gereicht und dem Kind auf die - offensichtlich vorhandene - Schnittwunde gedrückt. Ich sehe ja nichts, hänge ja immer noch im Gurt fest, kann nichts tun, außer warten und ruhig mit dem Kind sprechen. Bin wie versteinert.
Die Leute von draußen reden auf mich ein: der Rettungswagen sei unterwegs, Polizei käme gleich, ich solle sitzen bleiben.

Dann kommt der Rettungswagen. Den Sanitätern gelingt es irgendwie, die Türen aufzubekommen, das Kind herauszunehmen, mich aus dem Gurt zu befreien.
Ich bin den beiden heute noch wahnsinnig dankbar: stoisch haben die uns durch die vielen Leute geführt: einer das Kind auf dem Arm, der andere mich am Arm, einfach geradeaus zum Rettungswagen. „Sie kommen jetzt einfach mit, hier kümmert sich jetzt die Polizei um alles, das lassen wir jetzt alles stehen und liegen, machen Sie sich keine Sorgen, Sie kommen jetzt einfach mit.“
Rettungswagen, Sanitäter versorgen uns, lassen mich endlich zum Kind und ich kann die Verletzungen sehen. Schnittwunden auf der rechten Gesichtshälfte, zum Teil Splitter unter der Haut. Wir fahren ins Krankenhaus, Notaufnahme. Zum Glück ein Haus mit Kinderstation.
Pullover soll zerschnitten werden: das Kind ist außer sich. Ich darf mit dort bleiben. Soll Familie informieren. Wen informieren? Ich bin allein mit dem Kind in München, der Mann ist unterwegs in Berlin oder Hannover, bin mir da gar nicht mehr sicher, Messe eben. Familienangehörige, Freundeskreis: alle fast 500 km weg. Okay, dann wenigstens den Mann anrufen. Auf dem Telefon Anrufversuche von ihm, klar, der wundert sich, dass um die Zeit niemand zu Hause zu erreichen ist. Ich rufe zurück, muss irgend etwas gesagt haben wie: „Wir sind im Krankenhaus, hatten einen Autounfall, alles ist gut, mach Dir keine Sorgen.“ Und muss aufgelegt haben - mit Mobiltelefon im Krankenhaus geht ja nicht. Und außerdem war ja die Information übertragen, mehr ging nicht, das Kind wartete ja im Notaufnahmeraum.

OP ist nötig, Narkose ist ein Problem, weil wir ja gerade im Einkaufscenter noch etwas gegessen haben. Was tun? Ich soll entscheiden. Wie entscheidet man da? Örtliche Betäubung und Kind traumatisieren? Narkose und Risiko von Erbrochenem in der Luftröhre eingehen? Ich weiß es einfach nicht. Das Kind schaut mich mit großen Augen an, versteht ja alles und kombiniert die ganze Zeit - das verstehen widerum die Ärzte nicht. Wir entscheiden uns dann für Narkose. Das heißt, ein beherzter Kinderarzt traut sich, mir die Empfehlung zu geben: er würde für sein Kind jetzt entscheiden, dass es eine Narkose bekommt. Und ich unterschreibe dann diese fürchterlichen Papiere.
Begleite das Kind noch bis zur Tür vom OP-Bereich, helfe bei der Medikamentengabe, Tür geht auf, Kind fährt durch, Tür geht zu. Kind ist weg.

Ich stehe alleine auf dem Flur. Eine Krankenschwester kommt und meint, sie wollten jetzt endlich mal nach mir sehen. Diverse Prellungen, ich merke nichts. Ich will nur zu meinem Kind und kann nicht hin, muss warten. Alleine. Der Mann rief zwischendurch an, er würde sich ein Auto vom Kollegen leihen und nach Hause kommen. Irgendwie schaffe ich es, ihm das auszureden: war logisch und rational Blödsinn. Es hätte ewig gedauert, bis er da gewesen wäre, er hätte gar nichts machen können und mir ging es ja soweit gut.

Zwischendurch kommen zwei Polizisten, bringen mir meine Tasche mit Papieren, nehmen Daten und Aussage auf, erklären, dass das Kind sehr gut angeschnallt war, es wäre sonst durch die Frontscheibe geflogen bei dem Aufprall. Sie hätten hinterher eine Verkehrskontrolle durchgeführt, bei der sie mehrere unangeschnallte Kinder festgestellt hätten. Ich solle mir keine Vorwürfe machen.

Vorwürfe. Meine Gedanken rattern. Der Tag war von vornherein viel zu vollgepackt. Eine Stunde Weg zur Kita, von dort eine halbe Stunde zur Arbeit. Langer Arbeitstag, da langer Kita-Tag mit Museumsbesuch. Gut fürs Stundenkonto. Zwischendurch in den Waschsalon um die Ecke, weil die Waschmaschine ausgerechnet jetzt kaputt gehen musste und ich am Samstag mit dem Kind zum Geburtstag der Mutter fahren will. Feststellen, dass das Kind keine passenden Halbschuhe mehr hat. Frühlingswetter und Winterstiefel, das geht gar nicht, du arbeitende Rabenmutter, also noch irgendwie Schuhkauf einplanen. Kind 17:30 Uhr von der Kita abholen, mitten in München, an den Stadtrand nach Hause fahren, zwischendurch ins Einkaufszentrum. Mit der Wäsche im Kofferraum. Selbst kaum was gegessen, müde von der anstrengenden Einarbeitung. Müdes, glückliches Kind, das aus einer Picasso-Ausstellung kam und erzählen wollte. Schön, aber eben auch anstrengend. Schuhe kaufen mit Kindergartenkind. Auch das ohne Theater und Gezerre hinbekommen. Noch gemeinsam entschieden, was wo gegessen wird, gut unterhalten dabei, endlich nach Hause fahren können. Bis dahin war alles gut, richtig gut. Anstrengend, sehr, aber gut. Wir haben immer alles gut hinbekommen.

Dieses Mal hätte ich nicht fahren dürfen. Ich habe genau gemerkt, dass dieser Tag für mich selbst viel zu viel war, und wollte nicht aufgeben. Bin, wie so oft, wieder über alle Körpersignale hinweggegangen, um, wie immer, alles gut hinzubekommen. Alles nur eine Frage der Organisation, Frau Geht-nicht-gibt-es-nicht.
Das war jetzt die Quittung. Nur dass nicht ich im OP lag, sondern das Kind. Das überhaupt gar nichts dafür konnte. Dem der Tag mit Sicherheit auch viel zu viel war, das aber, auch wie fast immer, kooperativ mit mir mitgezogen hat.

Tür geht auf, Kind wird herausgeschoben, Kinderarzt schaut mich freundlich an und sagt, dass alles okay ist, er organisiert hat, dass ich mit dem Kind alleine im Aufwachraum sein kann, wenn ich das möchte. Sicher möchte ich das.
Dann stehe ich neben dem Bett, sehe mein Kind, das noch zierlicher und verletzbarer wirkt, als sowieso schon. Und mir wird klar, wie haarscharf das gerade war.

Da sorgt man sich um so Sachen wie Qualität der Kinderbetreuung, ob Montessori-Schule oder nicht, findet Kleinkram, der die Kinderseele beschädigen könnte, wahnsinnig wichtig und ist dann so unverantwortlich und riskiert wegen Halbschuhen das Leben genau des sonst so umsorgten Kindes. Weil man zu feige und zu stolz ist, sich selbst und anderen gegenüber zuzugeben, dass eigentlich alles zu viel ist, dass man überlastet ist ohne Ende, dass man nur noch funktioniert und nicht ohne Grund kaum noch reden und etwas unternehmen mag. Weil man die Auseinandersetzung nicht führen möchte, weil es doch irgendwie gehen muss, wenn man sich nur anstrengt und wirklich will. Nicht man: ich.
Und ich soll mir keine Vorwürfe machen.

Ab diesem Zeitpunkt geht alles nur noch mechanisch. Es sind schöne Dinge geschehen, zum Beispiel Nachbarn, die geholfen haben, weil wir sie vorher auch unterstützt haben (was mir nicht mal bewusst war), z. B. ein Taxifahrer, der mich zum kaputten Auto auf dem Abstellgelände gefahren hat, um die gesamte Familienwäsche dort rauszuholen (die war wirklich noch da, ein Wunder), und der unglaublich freundlich und hilfsbereit war.
Ich habe drei Tage später, also am Montag nach dem Unfall, meinen geplanten Dienst begonnen - mit Kind im Schlepptau und Rollkoffer, weil ich aufgrund von Prellungen nichts tragen konnte - die Gehälter mussten ja berechnet werden und außerdem war ich so froh, eine qualifizierte Anstellung gefunden zu haben, trotz Kind. Habe also nicht mal im Anschluss dem Kind die Ruhe gegönnt, die es wahrscheinlich dringend gebraucht hätte, sondern habe immer weiter durchgezogen.
So verantwortungslos muss man erst mal sein. Es war aber auch niemand da, der mich gebremst hätte. Alle fanden immer nur bewundernde Worte, wie man sich durchbeißt und alles möglich macht.

Das nächste war dann, dass automatisch Ermittlungen wegen Körperverletzung eingeleitet werden, wenn ein Kind verletzt wird, auch wenn es das eigene ist. Der Mann musste also zur Polizei und dort explizit erklären, dass er auf Strafverfolgung gegen mich verzichtet. Und ich sollte mir keine Vorwürfe machen.
Später wurde festgestellt, dass ich angeblich keinen wirklichen Fahrfehler begangen hätte, Zeugen hätten das so ausgesagt. Im anderen Auto saß eine Fahranfängerin mit drei Freundinnen, die aus Unerfahrenheit nicht gut reagiert hätte, es sei Pech gewesen.

Bloß: ich selbst weiß es besser. Dieser Bruchteil einer Sekunde Unaufmerksamkeit hätte 6 Menschen das Leben kosten können. Und der einzige, der ernsthafte körperliche Schäden genommen hat, war der Mensch, der mir der wichtigste auf der ganzen Welt ist und den ich bis zu diesem Zeitpunkt mit ganzem Einsatz umsorgt und von allen Gefahren von außen fernzuhalten versucht hatte.

Ich sehe das Kind heute noch fast jede Nacht in Richtung Frontscheibe fliegen und höre das „Ich will jetzt nicht sterben“ im Schlaf, komme innerlich nicht zur Ruhe, eine chronische Schmerzkrankheit hat sich verfestigt, unsere Familie gibt es so nicht mehr, weil ich die Geschichte einfach nicht loslassen und nicht mehr vertrauen konnte.
Und dabei ist noch nicht mal etwas wirklich Einschneidendes passiert: ein Autounfall mit leichten Verletzungen, passiert jeden Tag, vielen Menschen. Sich nach so vielen Jahren immer noch verrückt zu machen, ist absolut nicht logisch und angemessen. Das zu wissen macht es nur nicht besser.

Warum jetzt das alles?

Der Gedanke, im Menschengewühl auf einem vermeintlich sicheren Behördengelände mein Kind für eine Sekunde von der Hand gelassen und dann aus den Augen verloren zu haben - unfassbar.
Die Eltern des kleinen Jungen, der auf dem LAGeSo-Gelände verschwunden ist und nicht mehr lebt, hatten einfach nicht mal eine Chance, ihn zu beschützen. Sie haben alles richtig gemacht, wollten Ihrem Kind eine bessere Zukunft sichern, sind dafür Risiken eingegangen, haben es die ganze Zeit beschützen können und verlieren auf endlich sicherem Boden durch Umstände, die sie nicht zu verantworten haben, komplett die Kontrolle.

Wie überlebt man so etwas?

Und: warum kann so etwas hier, mitten zwischen uns, geschehen?

Workshop GnuPG mit MS Outlook

Im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung des Thillm und des TLfDI leitete ich gestern einen Workshop für Thüringer Lehrerinnen und Lehrer zum Thema E-Mail-Verschlüsselung per Gpg4win und MS Outlook.

Das Workshop-Thema war vorgegeben: diese Variante ist nach wie vor die empfohlene Lösung des BSI für Windows und MS Outlook, beides wird nach wie vor in Thüringer Schulen hauptsächlich für den Mailversand eingesetzt.

Gemäß straffem Zeitplan waren 2,5 Stunden für das Thema veranschlagt, erfahrungsgemäß ist es nicht möglich, mit einer Gruppe von 15 - 20 Teilnehmenden in dieser Zeit sowohl die Installation und Einführung in das Programmpaket als auch den praktischen Einsatz von asymmetrischer E-Mail-Verschlüsselung erfolgreich abzuschließen.

Außerdem stellte ich bei der Vorbereitung in vielen Versuchen mit unterschiedlichen Versionen von Windows und MS Outlook fest, dass allein die Software-Fehlermeldungen hohes Frustrationspotential erzeugen und deren Behebung sehr viel Zeit kostet und im Rahmen eines solchen Workshops nicht geleistet werden kann.

Eigentliches Ziel der Fortbildungsveranstaltung war, dass Lehrende in der Lage sind, vertrauliche Dokumente verschlüsselt zu versenden. Deshalb entschied ich mich dieses Mal für ein anderes Vorgehen, legte größeren Wert auf die Arbeit mit dem Gpg4win-Programmpaket und setzte den Fokus auf Dateiverschlüsselung per GPG und Versand der verschlüsselten Dokumente per E-Mail.

Das Konzept ist aufgegangen: in zwei Arbeitsgruppen herschte eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre, alle Teilnehmer, die geeignete Arbeitsgeräte mit einsetzbaren E-Mail-Konten mitbrachten und über Admin-Rechte für Installationen verfügten, konnten am Ende Dateien asymmetrisch verschlüsseln, versenden und wieder öffnen. Es konnten mehr Teilnehmer als beim letzten Mal verschlüsselte Daten versenden und empfangen, weil dieses Mal auch Webmailer zum Einsatz kommen konnten (ach ja ...). Ich kann diese Vorgehensweise also für das Ziel, mehr sensible Daten verschlüsselt in den Umlauf zu bringen, wirklich empfehlen.

Meine Slides, die immer wieder auf die offizielle Gpg4win-Dokumentation verweisen, stelle ich gern zur Verfügung (odp pdf); die Screenshots stammen von einer Windows7-Outlook 2010-Umgebung.

Update "hello"

Sieht nach Traumerfüllung aus:

Zulassung zum Vollzeitstudium "Informatik und Wirtschaft" an der HTW Berlin: liegt vor.

Teilzeitbeschäftigung abends, an Wochenenden und Feiertagen: Vertrag besteht seit 01.09.2015.

Rest findet sich.

goodbye and hello

Nach einem halben Jahr Pendeln zwischen Erfurt und Berlin ist jetzt die Entscheidung fällig, wie es weiter gehen soll. So funktioniert es auf jeden Fall nicht sinnvoll: zu viel ungenutzte Fahrzeit, zu viel Anrüst- und Abrüstzeit, zu viele Dinge, die hin- und hergefahren werden müssen, um volle Bereitschaft an beiden Orten aufrecht zu erhalten, zu viele administrative Tätigkeiten in eigener Sache, zu viel Ungewissheit.

Was nun? Leider hänge ich gerade etwas im Sommerloch und warte auf Entscheidungen Dritter. Kann also nur Pläne machen und Projekte abarbeiten.
Der absolute Traum wäre eine Teilzeitbeschäftigung, so 15 bis 20 Stunden, abends/nachts/am Wochenende, und eine Zulassung zum Vollzeitstudium "Informatik und Wirtschaft". Eventuell hätte ich aufgrund meiner persönlichen Umstände auch Anspruch auf BAföG, das lässt sich allerdings vorab nicht sicher klären.

Der realitätsnähere Wunsch wäre eine Beschäftigung, in der ich meine Berufserfahrung aus dem Bereich Büro/Betriebswirtschaft/IT-Betreuung mit mehr IT-Inhalten verbinden könnte. Ich bin wirklich gut im Vermitteln zwischen Technikern/Entwicklern und "Büromenschen", weil ich beide Sprachen spreche. Und ich finde beim Arbeiten alle Bugs in Software, weil ich ständig nach Lösungen für Alltagsaufgaben/-problemen suche. ("Das muss doch irgendwie gehen, dafür ist das doch ein programmierbarer Computer.")
Ebenfalls traumhaft wäre ein Arbeitsinhalt im Bereich Freies Wissen, Offene Daten, Partizipation etc.

Beschäftigung wäre im ersten Fall auch als Studentjob möglich, ansonsten generell als Freelancer (Gewerbegenehmigung läuft auf jeden Fall weiter) oder in einer Festanstellung.

Beim Zusammenstellen meiner Arbeitszeugnisse und Erstellen eines Tätigkeitsprofils fiel mir auf, dass ich wirklich schon seit der Berufsausbildung eine Technik-Jule bin: aufgrund mangelnder anderer Interessenten und allgemeiner Technikphobie wurde ich an die Kreisgerichte im damaligen Bezirk Erfurt geschickt, um in die dort neu eingeführte Technik einzuweisen: robotron A5120, TP/Wordstar, erika S6011. Es gab das hartnäckige Gerücht, dass der Vorgesetzte zu diesem Thema, der die Reden dazu hielt, nicht mal wüsste, wo die Einschaltknöpfe wären.

Mit dem Schrauben an der Hardware und dem Beschäftigen mit Windows-Netzwerken habe ich 2004 angefangen, aus Ärger über einen unzuverlässigen Admin, der mir während der Umstellung auf Windows XP morgens häufig einen aufgeschraubten, nicht einsatzfähigen PC am Arbeitsplatz hinterließ. Nachdem die Arbeitgeberinnen das gesehen hatten, wurde mir die Verantwortung für das komplette System übertragen. Das betreue ich heute noch, aus der Ferne.

Mein beruflicher Werdegang hat keine Lücken, dafür viele Umbrüche. Das ist heute normal beziehungsweise wird es gerade normal, zur Zeit ist es das für Menschen in meinem Jahrgang im kaufmännischen Bereich noch nicht. Diese Umbrüche resultieren zum einen aus Loyalität: Wenn man im Assistenzbereich mit einer/einem Vorgesetzten wirklich gut zusammenarbeitet, ist man zum einen der Spielball von Interessen, zum anderen geht man manchmal einfach freiwillig, weil die/der Vorgesetzte geht und man mit dem Nachfolger schon Gefechte ausgetragen hat.
Ein anderer Grund sind Umzüge, abgeschlossene Ausbildungen etc., die eine Veränderung erforderlich oder möglich machen. Für mich hatte ich das Problem dann irgendwann mit der Gewerbeanmeldung und der selbständigen Tätigkeit gelöst.

Um mich bei aller Melancholie bei Laune zu halten, habe ich gestern mal die Texte aus meinen Arbeitszeugnissen in wordle.net gekippt, zum einen alle Beschreibungen, die für meine Person gefunden wurden, zum anderen alle Tätigkeiten, die mir bescheinigt wurden. Ein allgemeiner beruflicher Werdegang, ein allgemeines Tätigkeitsprofil sowie ein Tätigkeitsprofil nach Stellen sind für Menschen, die es interessiert, hinterlegt.

Auf den ersten Blick mag das unstetig aussehen, weil so viel und so viel Verschiedenes. Ist es aber nicht: das ist der berufliche Werdegang von einer, die Jura studieren wollte, das nicht durfte, sich das auf dem zweiten Bildungsweg erarbeiten wollte und dann ausgebremst wurde. Der Rest ist "Berufhacken": Herausforderungen suchen, von Anforderung zu Anforderung lernen, Erfahrungen sammeln, für den nächsten Auftrag mitnehmen, neue Herausforderungen suchen.
Offensichtlich arbeitet man gern mit mir zusammen: aus einigen Anstellungen haben sich Geschäftsbeziehungen entwickelt, die bis heute andauern.

Falls Interesse an einer Kooperation oder anderweitigen Zusammenarbeit besteht: zur Zeit bin ich für fast alles offen. Auf Anfrage übersende ich gern weitere Unterlagen.

Leicht naive, sehr sentimentale und emotionale Gedanken zu Europa

(nur Bauchgefühle, der Text lässt jede Wissenschaftlichkeit in der Auseinandersetzung mit dem Thema vermissen)

Zur Einordnung:
Ich bin "im Osten" aufgewachsen, meine Eltern sind beide Lehrer, jeweils die ersten Akademiker in ihren Familien; ohne die Förderung von Arbeiterkindern in der DDR wäre es ihnen nicht möglich gewesen zu studieren.
Wir waren eine Kleinfamilie, quasi im Alltag als Familie immer nur zu dritt. Dafür hatten meine Eltern einen Blick für ihr Umfeld: Ungerechtigkeiten wurden so benannt, es war üblich, sich zu Benachteiligten dazu zu stellen und für diese einzutreten - zumindest habe ich das so in Erinnerung, mag sein, dass das auch nur selektiv zutraf. Wir waren in einem Sportverein aktiv, die ganze Familie, irgendwie galt die Reihenfolge Arbeit - Sport - Familiendinge; mein Vater hatte und hat das Talent, in jeden Tag Inhalt für 48 Stunden zu stecken. Es war also immer Action, nie für uns allein, immer für andere mit oder generell für andere, mit Freude, ohne zu murren, weil es Spaß gemacht hat, weil Verantwortung übernommen wurde. Ganz unabhängig von politischen Dingen, gelebte Gemeinschaft, Menschlichkeit.

Wertegefüge war bei uns ganz klar Humanismus. Diese Ost-West-Sache wurde pragmatisch betrachtet: wir leben hier und machen das Beste draus, was uns hier nicht gefällt, gibt es woanders auch. Der Mund wurde aufgemacht gegen Lügen und Ungerechtigkeiten, zum direkten Widerstand ist es nicht gekommen. Grundsatz war, dass man sich von der Stasi möglichst nicht einschüchtern lässt, aber generell versucht, diplomatisch durchs Leben zu gehen. Nie vergessener Ratschlag meiner Mutter: "Wenn Dich einer von der Stasi anspricht, erzähl das hinterher ganz laut ganz vielen Leuten - dann bist Du verbrannt und nicht erpressbar und man wird dir nichts Ernsthaftes tun." Eingebracht hat es mir einen stolprigen Bildungsweg und ein relativ gutes Gewissen.

Zur politischen Wendezeit 1989/90 war da auf einmal Hoffnung: darauf, etwas ganz anders machen zu können. Menschlichkeit für alle, ein echtes Gemeinwesen, Toleranz, Freiheit (also echte persönliche Freiheit). Da gab es viele Verbündete, über Altersgrenzen hinaus, die an "Runden Tischen" zusammengesessen und Pläne geschmiedet haben. Dann die Ernüchterung, als klar wurde, dass die Mehrheit sich für "die schnelle D-Mark" ausspricht und es kein Neuanfang, sondern ein Anschluss werden würde.

Ich habe mich in diesem Gesamtdeutschland nie wirklich zu Hause gefühlt, so wie ich mich auch in der DDR damals nicht zu Hause gefühlt hatte. Die Großkotzigkeit, mit der deutsche Politiker nach außen aufgetreten sind, als ob das, was hier in Deutschland scheinbar funktioniert, auf alle anderen Länder übertragbar wäre. Diese Ignoranz, dass das deutsche Wirtschaftswachstum (und damit der allgemein wachsende Wohlstand) nur auf Kosten anderer Länder möglich ist. Dieser Habitus, den deutsche Mitmenschen im Ausland an den Tag gelegt haben: in den Urlaub fahren und dort deutschen Alltag und deutsches Essen erwarten z.B. (die Stereotype kennt wahrscheinlich jeder). Ich war immer froh, im Ausland nicht sofort als "deutsch" eingeordnet zu werden - woran das wirklich lag, weiß ich nicht. Vielleicht waren wir (also der Mann und ich, später auch das Kind) einfach einerseits zurückhaltender und leiser, andererseits neugieriger und interessierter als erwartet.

Geändert hat sich das, als eine neue Generation sichtbar wurde, die sich als Europäer wahrnahm: auch wieder über Altersgrenzen hinaus, meist Menschen mit bürgerlichem Bildungshintergrund, der häufig der kleinste gemeinsame Nenner für Smalltalk wurde, aus dem sich dann manchmal stundenlange interessante Gespräche ergaben. (Beispiel: in einem griechischen Restaurant mit jungen Schauspielern aus Frankreich auf Englisch über Jonathan Swift diskutiert und über falsche Bilder von Kindheit) Es gab Hoffnung, dass sich über Ländergrenzen hinweg eine gerechtere Gesellschaft gestalten lässt. Dass endlich die Frage nach dem Gestalten, wenn die Wirtschaft eben nicht mehr wächst, beantwortet werden kann.
Das Kind hat in der Grundschulzeit in München exakt diesen "Spirit" verinnerlicht. Es gab einen Klavierlehrer, der zu Hause mit Hilfe von Atlas und Lexikon angeleitet hat, die Europahymne wurde mit Begeisterung hoch und runter gespielt und gesungen. Wir fühlten uns als Europäer (und vielleicht sogar ein bisschen zu Hause in diesem Kulturraum). Im Ausland hatte ich keine Schwierigkeiten mehr zu sagen, wo ich herkomme, es hat sich einfach nicht mehr so dumpfbackig angefühlt.

Und jetzt also wieder alles auf Anfang: ich komme wieder aus einem Land, das schulmeisterhaft belehrend weiß, was gut für alle anderen ist. Das ignoriert, dass der eigene Weg in die Irre führt, dass die Schere zwischen den Einkommen und damit den Entwicklungsmöglichkeiten immer größer wird. Das die Möglichkeiten, die ein freies Netz für die Partizipation aller bietet, einschränkt und weiter einschränken will, mit den aberwitzigsten Begründungen. Das sich nicht nur nicht gegen Überwachung durch andere Staaten wehrt, sondern diese Überwachung auf alle Bürger ausweitet, gleichzeitig aber nicht versäumt, ständig vor den Gefahren der Internetnutzung und digitalen Vernetzung zu warnen. Das es billigend in Kauf nimmt, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit offiziell wieder hoffähig sind. Das innerhalb der EU nicht dafür eintritt, eine tragfähige Lösung eben nicht nur für Griechenland, sondern für uns alle zu finden, die auch als Beispiel dafür taugen könnte, wie generell mit auftretenden Problemen in einer Gemeinschaft umgegangen werden kann.

Das wirklich Schlimme daran: die Volksvertreter haben den gleichen Bildungshintergrund wie wir, sind zum Teil akademisch besser gebildet als wir, sollten als Bildungsbürger den Humanismus, der z.B. mich durch die DDR-Zeit getragen hat, gefrühstückt haben.
Schöne Leitkultur haben wir da - ich pfeife drauf. Die bürgerliche Mitte hat mich endgültig radikalisiert.


Hint:
Das ist definitiv kein Lobgesang auf unser Bildungssystem, eher eine Abrechnung mit dem bürgerlichen Bildungskanon, auf den in Akademikerkreisen üblicherweise nach wie vor so viel Wert gelegt wird und der derart nutzlos ist.
Als kleinster gemeinsamer Nenner für Gespräche taugen Internet-Meme mindestens genau so gut.