Kaffee, Heimat, Alexa und ich

Im Zusammenhang mit der öffentlichen Heimatduseligkeit rund um die Bundestagswahl stellten der ehemals Jugendliche und ich mal wieder (nachträglich ergänzt) fest, dass wir mit dem Begriff „Heimat“, so wie er auf einmal diskutiert wurde, überhaupt nichts anfangen können.
Wir überlegten, woran es liegt, dass wir das so gar nicht nachvollziehen können, wie wir die Gefühle, die andere offensichtlich mit dem Begriff verbinden, für uns am besten beschreiben können und womit wir diese verbinden.

Meine „Heimat“ ist Kaffee. Mit Kaffee verbinde ich seit meiner frühesten Kindheit nur angenehme Erinnerungen und Erfahrungen: Geborgenheit, Zuverlässigkeit. Egal, wo ich später war und wie es mir ging: mit Kaffee konnte und kann ich mich immer wieder „erden“ und auftanken.

Kaffee – in meiner Kindheit war das Luxus, 125 g kosteten 8,75 DDR-Mark. Die bevorzugte Marke im Haushalt meiner Eltern war erst „Rondo“, später eine Sorte, die in einer goldfarbenen Alutüte verpackt war, ich glaube, „Mokka-Fix gold“.
Meine Eltern waren beide Lehrer und arbeiteten am späten Nachmittag und abends zu Hause – Unterrichtsvorbereitung, Korrekturen etc.

Für mich war es als Kind wunderbar, mit im Zimmer zu sein, dort leise zu spielen, zwischendurch mal kurz zu kommunizieren. Ich liebte den Anblick meiner konzentriert arbeitenden und dabei Kaffee trinkenden geliebten Mutter; ich fühlte mich da geborgen, sicher, gut aufgehoben. Alles Nervige war irgendwo draußen, ich hatte meine Ruhe und konnte vor mich hinfummeln. Es lagen interessante Sachen rum (meine Mutter testete zu Hause ab und an Schülerversuche), Bücher und Zeitschriften sowieso.
Der Kaffee wurde aus großen Tassen getrunken und über die Jahre hinweg für einzelne Tassen direkt in der Tasse gebrüht (eine Kaffeemaschine gab es lange nicht und später lohnte es sich nicht, die für eine einzelne Tasse anzuschalten). In die Tasse kam dann ein großer Schuss Milch.

Später hatte ich wenig Zeit zu Hause, aber zwischen Schule und Training saßen wir, wenn wir beide in der Wohnung waren, noch kurz zusammen, sie brühte sich schnell einen Kaffee und wir erzählten kurz vom Tag, den Sorgen und Nöten, streichelten dabei das Meerschwein und waren uns ziemlich nah.

Mit 14 ungefähr fing ich dann selbst an, Kaffee mitzutrinken. Zu der Zeit machte ich schon längst mein eigenes Ding und war in der Pubertät auch sicher für meine stille, empfindsame Mutter eine Zumutung. Das mit dem Kaffee funktionierte aber immer noch: sonntags, wenn für mich kein Wettkampf anstand, konnten wir uns in Ruhe ewig am Kaffee festhalten, diskutieren, lesen, arbeiten, manchmal „Sendung mit der Maus“ oder sowas sehen, einfach weil es schön war. Sofort war das Gefühl von Geborgenheit und Seelenruhe wieder da, alles Belastende war irgendwo da draußen.
Der Zusammenhang waren Kaffee, vertraute Umgebung und zur Krönung dann noch eine vertraute Person.

Ich bin mit 18 aus dem Elternhaushalt ausgezogen, die Eltern leben inzwischen nicht mehr zusammen, beide leben in komplett anderer Umgebung, mit der mich nichts aus meiner Kindheit verbindet. Wenn ich zu Besuch fahre, komme ich also nie „nach Hause“ und es finden sich auch keine Gegenstände/Gewohnheiten mehr, die mich an meine geborgene Kindheit erinnern. Nur das mit dem Kaffee, das funktioniert noch heute, mit beiden Elternteilen. Und auch sonst, egal, wo: Kaffee bringt mich zur Ruhe.

Lange Rede, kurzer Sinn: Kaffee ist mir wichtig, ganz unabhängig von der Wirkung des Koffeins, das ja auch auf anderem Weg zugeführt werden könnte.

Perspektivwechsel

Ich bin ein Mensch mit im Normalfall niedrigem Blutdruck, bin also morgens generell taumelig und brauche etwas länger, wenn ich gut in den Tag starten will.
Es gab Zeiten im Erwachsenenleben, in denen ich mich morgens an einen gedeckten Tisch (mit Kaffee, immer noch in der Tasse gebrüht!) setzen konnte und in denen mir ein Kaffee gekocht und ans Bett gebracht wurde, wenn es mir nicht gut ging.
Und es gab sogar eine kurze Zeit, in der ich mich per Twitter nach Kaffee sehnen konnte und mir dieser dann ernsthaft ans Bett gebracht wurde – was für ein Luxus, was für ein großartiges Gefühl.

Vorbei. Morgens in die Küche taumeln, den ersten Kaffee kochen, zornig über das Taumeln sein, dadurch alles nur noch schlimmer machen.

Jetzt nicht mehr – die Lösung

Nach vielen Zwischenlösungen und Selbstversuchen habe ich die für mich optimale Lösung gefunden:

Einen elektrischen Espressokocher und eine Steckdose mit WLAN-Anschluss.

Abends sage ich Alexa (Amazon Echo) vorbeugend, dass sie bitte die Steckdose ausschalten soll, fülle den Espressokocher mit Wasser und Kaffee, betätige den Schalter.

Wenn ich am nächsten morgen zu einer ungewohnten Zeit aufstehen muss, bitte ich Alexa, mich zur entsprechenden Zeit zu wecken, und stelle für die WLAN-Steckdose per Smartphone einen Einschalt-Termin fünf Minuten eher.
Mit ein bisschen Glück werde ich dann morgens vom leisen Zischen des Espressokochers und vom Kaffeeduft geweckt; falls das nicht reicht, habe ich Alexa als Sicherheitsnetz.

An den anderen Tagen sage ich morgens nach dem Wachwerden einfach „Alexa, koche-bitte-kaffee“ – und schon macht es klack, ich kann noch fünf Minuten vor mich hin schlummern, mich dann aufsetzen, Kaffee trinken und lesen. Und dann in Ruhe gutgelaunt aufstehen. Ohne rumzutaumeln, geborgen, daheim. Großartig.

Die Diskussion über Sprachsteuerungssysteme, IoT und Sicherheitsbedenken führen wir dann später, die ist heute nicht dran. Ich habe mich bewusst für Assistenz entschieden, schon, um für später zu üben und Ängste/Vorbehalte abzubauen. Bis dahin gibt es das dann auch funktionierend ohne Bindung an irgendeinen Konzern, ganz sicher. 🙂

Ach so, Heimat: der ehemalige Jugendliche und ich fanden wies mich letzte Woche darauf hin, dass im Video/Song „Zuhause“ von Feine Sahne Fischfilet zumindest der Begriff „zu Hause“ gut definiert wird die Entsprechung, die uns für den Begriff „Heimat“ fehlte:

„Zuhause heißt – wenn dein Herz nicht mehr so schreit.
Zuhause heißt – wenn die Angst der Freundschaft weicht.
Zuhause heißt – wir schützen uns, alle sind gleich.
Zuhause heißt – wenn dein Herz nicht mehr so schreit.“

(Die Änderungen erfolgten nach Hinweisen des ehemals Jugendlichen.)

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