Geht wählen, sonst... ?

(Ich bin nach wie vor eine unerschütterliche Kulturoptimistin, die überzeugt ist, dass durch Wahlen Entwicklung beeinflusst werden kann - wer das naiv findet, kann hier aufhören zu lesen.)


Es wird Zeit, dass dieser verfluchte Bundestagswahlkampf endlich vorbei ist, damit wir wieder vernünftig miteinander reden und agieren können. Die seit Monaten geführten Diskussionen sind ermüdend, verwirrend und machen eine Entscheidung nicht leichter.


Indem wir einzelne Sachfragen aus Wahlprogrammen herausklauben, versuchen wir, Wahlentscheidungen zu finden und fühlen uns dabei auch noch auf der sicheren Seite, weil wir ja scheinbar analytisch an die Problemlösung herangegangen sind, unsere Stimme möglichst sinnvoll/richtig zu vergeben. Schuld an allem Übel sind dann später die Politiker, die sich nicht an ihre Wahlzusagen halten.


Bloß: so funktioniert Politik nicht. Entscheidungen werden am Ende pragmatisch ausgehandelt, es gibt Absprachen, die eingehalten werden (oder eben auch nicht). Es gibt Kurskorrekturen durch Erkenntnisgewinn, die einem gefallen oder auch nicht. Es gibt Beeinflussung durch Lobbygruppen, die einem meist dann missfallen, wenn es nicht die selbst unterstützten sind.
Was hier hilft: Transparenz, damit man wenigsten verstehen kann, was da abläuft, und Einspruch erheben kann, wenn man das für erforderlich hält. Damit Akteure, die am eigenen, aber nicht am Gemeinwohl interessiert sind, erkannt und sichtbar gemacht werden können.


Am liebsten wäre mir ein Ausschlussverfahren: nicht das eine wählen, das man für richtig hält (es gibt einfach nichts absolut richtiges; was ist das denn eigentlich für eine Anmaßung/Zumutung?), sondern das ausschließen, das man selbst für unzumutbar hält.
Als pragmatischer, kompromissbereiter Mensch kann ich mit vielem leben, mit einigem aber eben gar nicht.


Ich selbst werde mir den Direktkandidaten auswählen, von dem ich denke, dass er mein Menschenbild und meinen Kulturoptimismus am besten vertritt. Dabei ist mir die Partei egal: Nazis fallen automisch raus und ängstliche private Wohlstandsbewahrer auch.
Bei der Zweitstimme bin ich tatsächlich noch unentschieden: da sich von den für mich in Frage kommenden Parteien bislang keine offiziell zum neuen Law-and-order-Stil der Bundesregierung äußert, kann ich nicht einschätzen, welche Institution meine Interessen am ehesten vertritt. Autoritätsakzeptierende Akteure wähle ich nicht, Soloakteure mit der Zweitstimme auch nicht. Punkt.


Was wird jetzt demokratischen Prozessen eher gerecht: etwas wählen, von dem man nicht mal in den Grundlagen überzeugt ist, oder nicht wählen und damit denen mehr Spielraum geben, die wissen, was für sie richtig ist?


Ich finde es demokratiezersetzend, wenn bewusste Nichtwähler auf einmal eine Partei wählen und deren Repräsentanten quasi einräumen, mit ihrer Stimme thematisch zu agieren.


Als jemand, der sich seit etwa 30 Jahren ernsthaft mit "der Mitte" über vorhandene rechte Einstellungen und vorhandenen Antisemitismus streitet, lasse ich mich jetzt nicht mit dem AfD-Argument in Haft nehmen. Ich werde nichts wählen, von dem ich nicht in Ansätzen überzeugt bin. Allein damit hätten die schon Erfolg: alles schön in Richtung konservativ verschieben und lähmen.


Wenn diese A-Partei durch "Falschwahl" tatsächlich am Einzug gehindert wird, wird alles nur noch schlimmer.


Nazis bekämpft man als Nichtparlamentarier außerhalb der Parlamente (da gibt es nämlich gefährlich mehr davon, deshalb auch hier: danke, Antifa!) und als Parlamentarier, indem man nicht mit ihnen kooperiert - nicht aber als Wähler, indem man ein kleineres Übel wählt und damit Vorhandenes festschreibt, anstatt Themen zu besetzen.


Schuld an einem Einzug der AfD sind ausschließlich die AfD-Wähler, nicht die anderen.

Wählt, was Ihr für richtig haltet: große Parteien, kleine Parteien, auch wenn die evtl. nicht über die 5-Prozent-Hürde kommen, aber dafür Eure Themen sichtbar machen. Oder eben gar nicht.
Aber geht raus und engagiert Euch für die Dinge, die Euch wichtig sind: über NGOs, Vereine, lose Zusammenschlüssen (geht auch komplett ohne Mitgliedschaft, ausschließlich themenbezogen). Das ist viel wichtiger und einflussreicher, als es die Stimmabgabe bei Wahlen sein kann.


Und wenn Ihr tatsächlich irgendetwas wählen wollt, um die Prozentverteilung gegen die AfD zu beeinflussen: wählt Nonsens wie Die Partei - damit beeinflusst Ihr das Kräfteverhältnis von denen, denen es ernst ist, wenigstens nicht.


Die einzige Bitte: wählt keine Nazis oder denen nahestehende Parteien...