Das mit dem Mutter-Sein

Mein Erziehungsberechtigten-Sein endet in wenigen Stunden, das Elternteil-Sein endet damit selbstverständlich nicht.
Genauso ist der Sohn dann nicht „erwachsen“ (das ist der nämlich schon länger), sondern volljährig - ein gewaltiger Unterschied.

Obwohl ich selbst weiß, dass diese Gedanken unsinniger Unfug sind, bekomme ich die mal wieder nicht aus dem Kopf: Bin/war ich eine gute Mutter?


Was ist eine „gute Mutter“? Keine Ahnung - ich fühlte mich nur häufig in Frage gestellt durch Bewertung/Bemerkungen von außen, oft lapidar dahingesagt. Auf meine Nachfrage kam dann häufig die Antwort: „Na Du bist doch nicht gemeint, Dein Kind ist doch in Ordnung.“ - Na super.


Mit 14, 16, 18 war ich der Meinung, niemals eigene Kinder haben zu wollen. Ich hatte irgendwie verstanden, dass man spätestens über die Kinder erpressbar ist und ich wollte in dem Land, in dem ich aufgewachsen bin und sozialisiert wurde, nicht erpressbar sein.


Dann kam ein Systemwechsel, alles auf Anfang, (ernsthaft) das Gefühl von Freiheit, ein Partner, mit dem das alles machbar schien, älter werden, Hormone etc. und dann war da der gemeinsame Wunsch, ein Kind beim Aufwachsen zu begleiten.
Aus meiner Sicht war das nie die Vorstellung, irgend einem Muttervorbild/irgend einer Mutterrolle gerecht zu werden, sondern der Wunsch, gemeinsam mit einem Kind/Kindern zu leben und gemeinsam mit diesen zu wachsen.


Dieses Kind (leider ist es bei einem geblieben) ist das Beste, Schönste, Großartigste was in meinem Leben passiert ist.
Wir hatten nur ein Problem: Es war von Anfang an alles anders, als es überall beschrieben und erzählt wurde. Und es war verdammt schwer, sich von den angelegten Maßstäben zu lösen und sich zu trauen, diese Maßstäbe selbstbewusst zu ignorieren.
In unserem Freundes- und Bekanntenkreis gab es keine weiteren Kinder; die Freunde hatten gerade neue Hunde- und Katzenbabies, die ebenfalls auf Lammfellen schliefen und auch Kullerspielzeug mit Glöckchen in der Mitte hatten.

Die Elterngeneration hatte Erziehungsvorstellungen und -erfahrungen aus den 70ern oder noch früher, die wir sofort verwarfen. Wirklich hilfreich waren die Bemerkungen von älteren Menschen, von denen wir wussten, dass sie selbst eine gute Beziehung zu ihren erwachsenen Kindern hatten. Die sagten ganz nebenbei so Sachen wie: „auf das Bauchgefühl hören“, „Kinder drangsalieren einen nicht mit Absicht; die weinen, weil ihnen tatsächlich gerade etwas fehlt, und Unglück ist Unglück und fühlt sich immer gleich unglücklich an, egal, wie wir es als Erwachsene bewerten“; „vorleben, alles andere wird sowieso als unehrlich erkannt“. Danke dafür.


Woher kommen die Zweifel? Der Eintrag in der Wikipedia zum Begriff „Mutter“ war da heute für mich ganz hilfreich. Es gibt einfach kein langfristig tragfähiges Modell „Mutter“. „Väter“ haben es da etwas einfacher (nicht ernst gemeint), zumindest wenn man die Länge der Artikel als Maßstab nimmt.


Ich denke, wir haben das ganz gut hinbekommen. Das Kind rief meist „Papamama“ oder „Mamapapa“, wenn es sich in Not fühlte („in Not“ war damals meist eine verrutschte Bettdecke). Und auch sonst ergänzten/ergänzen wir uns ganz gut.


Das „Kind“ war und ist großartig. Es stellte uns immer die richtigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt. Und wenn wir ehrlich waren und alle Interessen gleichwertig betrachteten, fanden wir auch immer (tatsächlich!) eine tragfähige Lösung für alle Probleme. Das war und ist so was von awesome. Danke dafür.


Also: dieses Mutter-Dings ist komplett überbewertet, leider. Ich sehe mich als Elternteil. Wir haben uns alle - Mutter, Vater, Kind - redlich bemüht und alles gegeben, was wir konnten, und wir haben jetzt alle drei einen Blick nach vorn, nicht mehr zwangsläufig gemeinsam, aber irgendwie doch mit Berührungspunkten. Vielleicht ist genau das eine Art „Happy End“.


Was ich im Nachhinein anders machen würde:

- mehr auf meine Bedürfnisse hinweisen und die Erfüllung auch durchsetzen, ohne Rücksichtnahme auf die berufliche Belastung und Anforderungen des Partners und die familienbetriebswirtschaftlichen Belange. Am Ende hilft alles Geld nichts und wären wir z. B. mit weniger Geld eventuell noch als Familie zusammen

- niemals mit dem Gedanken: „Es ist alles nur eine Frage der Organisation.“ mit einem Kleinkind aus einem bestehenden Netzwerk ins Nichts aufbrechen - es geht nichts über die Unterstützung befreundeter Menschen oder der Familie und es ist gar nicht so leicht, so ein Netzwerk an einem neuen Ort aus dem Nichts neu aufzubauen (eventuell hat man überhaupt nicht die Kraft dazu)

- Lösen von dem vorgegebenen „Mutter“-Bild und dem daran messen - ja klar, das Kind ist in mir gewachsen und ich habe das Kind geboren, das ist aber auch das einzige Alleinstellungsmerkmal (ca. 9 Monate gegen 18 Jahre); alles andere war Gemeinschafts“arbeit“: Vater, Mutter, Kind; Kleinfamilie eben, Eltern und Kind, Erwachsene, Heranwachsender, egal, was die gesellschaftliche Norm so vorgibt

- viel mehr Freuen und Genießen statt Zweifeln - die Kinder sind in Ordnung, alle, auf ihre Weise.


Mehr Elts bzw. Eltern als Mütter und Väter - falls jemand nach Rat und Vorschlägen sucht.


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