Das mit der Diversität

Diversität, die - Auszug aus der Wikipedia:



„Diversität von Personen – sofern auch rechtlich relevant – wird klassischerweise auf folgenden Dimensionen betrachtet: Kultur (Ethnie), Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Behinderung, Religion (Weltanschauung).[1] Weniger ins Auge fallen eine große Zahl weiterer sozialisationsbedingter und kultureller Unterschiede wie Arbeitsstil, Wahrnehmungsmuster, Dialekt usw., die die Diversität einer Gruppe als ihre kulturelle Vielfalt weiter erhöhen und kontextabhängig ebenfalls der Aufmerksamkeit und ggf. der sozialen Anerkennung bedürfen.[2]“


Ich bin zur Zeit Vorstandsmitglied in einem Hackerspace. Meine Motivation, den Trägerverein mitzugründen und mich dort einzubringen war, in einer 200.000-Einwohner-Stadt Infrastruktur für technikinteressierte Menschen jeglichen Alters, jeglichen Temperaments und jeglicher Identität mit aufzubauen, um dort gemeinsam mit anderen Wissenserwerb und -verbreitung, Freude an Technik, Verlust von Technikangst, Bewusstsein für Netzpolitik und insgesamt erforderliche gesellschaftliche Veränderungen zu fördern und insgesamt ein kleines Stück heile, bessere Welt zu schaffen.


Das funktioniert auch. Im Prinzip. Praktisch bin ich mir da gerade nicht mehr so sicher.


Der Anlass für meine Zweifel: Es hat sich offensichtlich jemand unbehaglich gefühlt. Der exakte Grund ist mir nicht bekannt, den finde ich auch im Moment nicht wichtig, weil so etwas menschlich und individuell ist und immer vorkommen wird.


Was mich ärgert, sind die Reaktionen darauf.
Es gab einen öffentlichen Stoßseufzer eines anderen Vorstandsmenschen, in dem dieser sich sinngemäß die Gründung eines feministischen Hackerspaces oder die Aufnahme in einen solchen wünschte.


Sofort passierte exakt das, was immer passiert, wenn das „F-Wort“ in so einem Zusammenhang fällt: es wird beteuert, dass man nie eine Ausgrenzung erlebt hätte, es werden (spöttisch?) Hackerspaces für verschiedene andere "Gruppen" gewünscht, es wurde ein Twitter-Fake-Account zur Gründung eines feministischen Hackerspaces (sogar schriftlich gegendert) angelegt.


Also das übliche: Lächerlichmachen, das Beteuern, dass es etwas nicht gibt, das man selbst nicht spürt.
Selbstverständlich verspürt man im quasi eigenen Wohnzimmer kein Unbehagen, wenn man sich so verhält, wie man es gern möchte und gewohnt ist. Deshalb ist es ja gerade so wichtig hinzuhören, wenn Signale kommen, dass jemand, der nicht zum eigenen „Kulturkreis“ gehört (wie auch immer der gerade definiert ist) sich unbehaglich fühlt oder etwas nicht in Ordnung findet.


Ausgegrenzt habe ich mich im Space tatsächlich nie gefühlt, für mich ist das nach wie vor einer der Lieblingsorte und ich mag wirklich jedes einzelne Vereinsmitglied und die meisten Besucher auch. Bloß die Gruppendynamik, die sich hier gerade entwickelt, die mag ich ernsthaft nicht.


Unbehaglich ist mir allerdings schon ab und an: wenn Zoten erzählt werden, wenn die üblichen Geschlechterklischees geritten werden (auch wenn ich da sicher nicht mal eingeschlossen bin), wenn der Ton gegenüber Jüngeren irgendwie rechthaberisch ist, wenn über Dinge gelacht wird, die ich eigentlich mit Hilfe dieses Spaces verändern wollte.
Also unbehaglich, wie mir in einer reinen Männerrunde meistens ist, so dass es mir eigentlich kaum noch auffällt, weil ich so sozialisiert wurde und quasi als gute Freundin/guter Kumpel durchkomme und anteilig dazu gehöre.


Wir wollten möglichst viele Menschen erreichen, unabhängig von Alter, geschlechtlicher Identität, persönlichen Eigenschaften. Nur weil niemand etwas sagt, heißt das nicht, dass alles in Ordnung ist - gerade die Betroffenen werden so gut wie nie etwas sagen, wenn sie sich einer "verschworenen Gemeinschaft" gegenüber fühlen. Sie werden nichts sagen, sondern nicht wiederkommen.
Und so hatte ich mir das nicht vorgestellt mit dem offenen Raum und der doch so besonderen Technikkultur, die in einer 200.000-Einwohner-Stadt für so viele unterschiedliche Menschen wie möglich erreichbar sein sollten.
Uns fehlen die anderen Einflüsse und wir sollten froh sein, ab und an dazu daran erinnert zu werden, unseren Status zu prüfen, sonst schwimmen wir demnächst in genau der Alltagssuppe, aus der wir raus wollten.


Anmerkung 1:
Kritik in diesem Punkt heißt nicht, dass der Space schlecht ist: im Space passiert gerade unheimlich viel Schönes, Tolles, Interessantes - mehr, als ich anfangs zu hoffen wagte.


Anmerkung 2:
Selbstverständlich wäre das ganz von selbst anders und einfacher, wenn bereits jetzt eine größere Diversität vorhanden wäre und sich mehr Menschen (einschließlich mir selbst) aktiv einbringen würden. Durch Unachtsamkeit wird sich das nur auch nie ändern.