"Angst essen Seele auf" und "Am Rande des Abgrunds"



Ich las gestern zwei Texte, die gar nichts miteinander zu tun haben, die aber bis heute Morgen im Unterbewusstsein präsent waren. Im Zusammenhang spiegelt sich aus meiner Sicht die Zerrissenheit, mit der viele gerade kämpfen.

Der eine war "Angst essen Seele auf" bei Carta, der andere ein Beitrag im Wikipedia-Kurier unter der Überschrift "Am Rande des Abgrunds".

Zum Carta-Beitrag:

„AfD und Pegida versprechen die Rückkehr in die Vergangenheit.“

Das lese und höre ich immer wieder und habe es auch oft genug selbst so gesagt. Allerdings machen wir es uns mit dieser Sicht zu leicht und sind schon wieder elitär arrogant.

Da AfD-Wähler „die Vergangenheit“ (welche eigentlich genau?) nicht aus eigenem Erleben kennen, könnten sie das zumindest theoretisch durchaus für zukunftsfähig halten.
Ich habe da wenig Austausch und weiß einfach nicht, ob das tatsächlich eine Sehnsucht „nach früher“ ist oder ob da einfach, mit dem Fuß aufstampfend, "stabile Verhältnisse" gewünscht werden (was immer das auch sein mag).

Dann wäre es wie in anderen Situationen auch: Mensch müsste diesen Menschen massiv klarmachen, dass „Mit-dem-Fuß-aufstampfen“ und „Schreiend-auf-den-Boden-werfen“ an der Realität reinweg gar nichts ändern, sondern nur Kraft und Energie verschleudern und man bitte tragfähige Lösungsvorschläge für die Situation unterbreiten möge. Dass „stabile, sichere Verhältnisse“ nicht hergezaubert werden können, sondern gemeinsam entwickelt werden müssen - über Nationalstaaten und Regionen hinaus.

Vielleicht wäre es auch gut, auf allen Kanälen immer wieder aufzuzeigen, wie die Lebenswirklichkeit „früher“ für die Allgemeinheit war, jenseits von allen romantisierenden Geschichten. Konkret an Beispielen darstellen, wo der eigene Platz heute wäre, wenn alles noch „wie früher“ wäre - meiner z. B. mit ziemlicher Sicherheit als Tagelöhnerin auf einem Feld irgendwo in Sachsen-Anhalt.

Vielleicht wäre es ebenfalls gut, immer wieder aufzuzeigen, dass es eine „richtige Politik“ nicht gibt, sondern einfach nur gemeinsam vereinbarte Grundregeln, an denen politisches Handeln ausgerichtet wird, weil einfach niemand vorher weiß, was tatsächlich geschieht und was sich wie auswirken wird. Auch sehr gute Strategien müssen nicht aufgehen - müsste eigentlich jeder schon erlebt haben.

Genauso gut wäre es sicher, immer wieder aufzuzeigen, was heute agierende Generationen in Europa einfach auch für ein Glück hatten, in der Regel von Umwelteinflüssen, Kriegshandlungen etc. verschont geblieben zu sein. Was es für ein Glück ist, in Frieden zu leben, in der Regel ein Dach über dem Kopf zu haben, zum Arzt gehen zu können, nicht zu hungern, die Kinder in die Schule schicken zu können etc.

Vor allem wäre aus meiner Sicht jetzt eins wichtig: immer wieder laut und fordernd auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Menschen zu beharren: Menschlichkeit, weil wir sonst gleich an die KI abgeben könnten.
(Ja, hier kommen die unterschiedlichen Menschenbilder und die Kritik am Humanismusbegriff ins Spiel … ich weiß … aber auch das zu verdeutlichen und zu diskutieren, wäre vielleicht hilfreich.)

„Ihr Erfolg wird durch das dramatische gesellschaftliche Versagen der Digital Natives erleichtert. Mit tollen Ideen denken sie die Zukunft, arbeiten dafür und werden sie auch gestalten. Aber sie halten es nicht für notwendig, in der Öffentlichkeit für ihr Bild unserer Zukunft einzutreten.“

Sorry? „Digital Natives“ als homogene Gruppe, 2016? Ernsthaft?

Ich mache es mir hier jetzt einfach und verweise auf Philippe Wampfler, der das Problem 2014 aus meiner Sicht gut zusammengefasst hat: "Bitte verzichtet auf den Begriff Digital Natives".

Das ist doch jetzt Romantisieren pur: die „Digital Natives“ hätten generell gute Ideen, schafften es nur nicht, die in die Öffentlichkeit zu bringen. Solange wir damit nicht endlich aufhören, wird das nichts.

Da sind eine Menge Menschen, egal, ob „Digital Natives“ oder nicht, die in der Öffentlichkeit für Zukunftsbilder und ihre politischen Positionen eintreten.
Solange nur der gesellschaftliche Diskurs nicht ehrlich geführt wird, dass die „alten“ Bedingungen auch mit Fußaufstampfen nicht aufrechterhalten werden können, dass es also nicht mal eine Folge von „Wollen“ oder Inkompetenz der Verantwortlichen ist, wird da alles Engagement verpuffen.

Dieser Diskurs hätte seit Jahren auf allen Ebenen geführt werden können und müssen, Ulrike Herrmann hat es z. B. 2010 mit ihrer Analyse der deutschen Mittelschicht versucht (Klappentext von "Hurra, wir dürfen zahlen" - Der Selbstbetrug der Mittelschicht).

Das war alles schon so lange spür- und greifbar, allerdings wurde sich vor den heraufziehenden Problemen allgemein weggeduckt, sowohl politisch als auch privat.
Indiz für mich persönlich waren z. B. die sorgsam gepflegten Reihenhausvorgärten in der „Lego-Siedlung“ bei mir um die Ecke, die nach Zeitschriftenvorbildern gestaltet aussehen, und die Anzahl der teuren Outdoor-Spielgeräte in diesen einzelnen Gärtchen. (Hier errichtete man sich eine private Idylle, die vom Einzelnen schwer - oder gar nicht? - erhalten werden kann und die man mit allen Mitteln verteidigen wird, bis hin zum Untergang.)
Auch gut als Indiz: die Diskussionen auf Elternabenden, fast egal, zu welchem Thema: immer wieder standen das Wohl/das Befinden/die Wünsche des eigenen Kindes im Mittelpunkt, fast nie ging es um Strukturen oder Bedingungen für alle.

Warum ich das (eventuell allen Altbekannte?) wieder aufwärme?

Jetzt kommen „die Digital Natives“ mit ihren angeblich tollen Ideen für ein Bild unserer Zukunft ins Spiel:

Zum einen die Feststellung, dass einige der älter werdenden Protagonisten, mit denen ich selbst vor Jahren die Hoffnung auf ein besseres, zukunftsgewandtes Menschen-/Gesellschaftsbild verbunden habe, sich exakt nicht anders verhalten, als der Durchschnitt der Generationen vor ihnen. Der gerade von dieser Personengruppe oft und gern zitierte Douglas Adams brachte das, amüsant verkleidet, auf den Punkt: "I’ve come up with a set of rules that describe our reactions to technologies:".

  • Ich bin der vielen sich immer nur im Kreis drehenden Diskussionen zum Beispiel zu den Themen Datenschutz, Datensammeln, Überwachung etc. so müde. Klar, diese Themen sind extrem wichtig. Aber wir können uns noch so auf Schenkel klopfen aus Freude oder Häme über die Beschränktheit der anderen oder auf die Schulter klopfen aus Freude über kleinere „Siege“ und "unsere Helden" feiern - das ändert für das Leben der Allgemeinheit konkret: nichts. Wir sind noch so ganz am Anfang der Möglichkeiten und schränken uns selbst durch dieses Im-Kreis-Drehen schon so sehr ein.

  • Ich bin so satt von der Überheblichkeit, die immer noch an den Tag gelegt wird, nur weil mensch sich mit Hard- und Software angeblich besser auskennt, dabei aber vergisst, dass das exakt Werkzeuge sind wie alle anderen, solange mensch damit nichts anderes, "weltverbesserndes" erreicht.

  • Wir regen uns seit Jahren/Jahrzehnten über Betriebssysteme auf; mein persönlicher Stand heute: ich kann Auftraggebern gegenüber wunderbar gegen den Einsatz von Windows 10 argumentieren, eine Alternative kann ich ihnen jedoch immer noch nicht anbieten.

  • ...

Zum anderen ist es die Feststellung, dass auch bei digitalen Projekten die Welt kein bisschen anders funktioniert als bei analogen.

Ich brauche bloß an Diskussionen auf Wikimedia-Mitgliederversammlungen zu denken oder im Wikipedia-Kurier oder den Foren zu lesen, um zu sehen und schmerzhaft zu begreifen, dass es auch dort im Endeffekt häufig um Besitzstandswahrung geht und mit dem Argument der Ineffizienz oder Nutzlosigkeit strategische Planungen in Frage gestellt und in die Zukunft gerichtete Projekte lächerlich/klein gemacht werden.

Wir schaffen es also nicht mal innerhalb der eigenen „Blase“, uns verständlich zu machen, unsere Ideen von Zukunft begeisternd zu vermitteln. Wie soll das dann so bei Menschen, die sich über diese Dinge noch nie Gedanken gemacht haben (egal, welcher Jahrgang), funktionieren?

Wenn es nicht endlich gelingt, diese Überhöhung von Technik/Technologie über andere Lebensbereiche aufzulösen und endlich im Alltag mit all den unbequemen und lästigen Erfordernissen und Diskussionen anzukommen, wird das nichts.

Ich zum Beispiel wünsche mir Roboter, die meine zur Zeit langweilige und geistig unterfordernde Haupterwerbsarbeit erledigen, keine Pflegeroboter, die humanoid gestaltet sind.
Es ist nur offensichtlich viel einfacher, bequemer und gesellschaftlich höher bewertet, sich mit der Entwicklung von Pflegerobotern auseinanderzusetzen, als sich die konkreten Fähigkeiten zum Pflegen eines Menschen mit allen Facetten anzueignen und das auch praktisch anzuwenden.

Es sieht momentan so aus, als würde das kleinste gemeinsame Merkmal der Menschheit - Menschlichkeit - an Bedeutung verlieren. Hier können wir von mir aus direkt an die KI/AI übergeben:

„Lieber AlphaGo als Staatsoberhaupt als Frauke Petry.“

(ist sinngemäß von Twitter geklaut, war dort aber auch nicht "ordentlich" zitiert)