Selftracking, BigData und Persönliches

Aus ernsthaften gesundheitlichen Gründen habe ich 2013 angefangen, ununterbrochen einen fitbit zu tragen und die meisten damit erfassbaren Werte zu tracken.
Vorher habe ich ziemlich genau abgewogen, ob ich das wirklich will: meine Körperdaten über einen fremden Dienst „in der Cloud“ aufbewahren und synchronisieren (aus den geschlossenen Geräten kann man die Daten nicht direkt auslesen).
Aufgrund mangelnder praktischer Alternativen habe ich mich dann trotzdem pragmatisch dafür entschieden.

Wie ich das Gerät für meine persönlichen Zwecke brauchbar gemacht habe, habe ich im Sommer auf der Enthusiasticon beschrieben, die Slides sind hier, der Mitschnitt kann hier aufgerufen werden.

Mit Hilfe der erhobenen Daten und entsprechender Vergleiche ist es mir gelungen, eine chronische und als nichtheilbar klassifizierte Erkrankung „in den Griff“ zu bekommen und einen ganz normalen Alltag zu leben.

Ich bin heute sehr froh, damals die Entscheidung gegen Datenschutzbedenken und für „BigData“ getroffen zu haben.

Was ich durch eine sportmedizinischen Untersuchung seit heute sicher weiß:

  • wie schwer meine einzelnen Gliedmaßen und der Rumpf getrennt sind (ich hatte mir nie darüber Gedanken gemacht, dass linker Arm und rechter Arm und linkes Bein und rechtes Bein ernsthaft ein unterschiedliches Gewicht haben, dabei ist das eigentlich logisch),

  • dass ich 1,5 Zentimeter größer bin, als ich immer gedacht habe

  • dass mein Körperfettanteil wesentlich geringer ist, als ich selbst die ganze Zeit gemessen und angenommen hatte, und dass da tatsächlich fast keine Reserven mehr sind,

  • dass ich viel zu wenig Energie aufnehme, obwohl ich mich exakt innerhalb der von Ernährungsberatern vorgegebenen Durchschnittswerte bewege, über den fitbit quasi ein zeitgenauer Abgleich zwischen Aufnahme und Verbrauch erfolgt und mein Körper wahrscheinlich deshalb seit einigen Wochen streikt,

  • dass man tatsächlich leider als schlanker Mensch ganz anders behandelt und ernst genommen wird als als übergewichtiger, obwohl man einen wesentlich schlechteren Gesundheitszustand hat und eigentlich zusammengestaucht gehört,

  • dass in dieser Leistungsgesellschaft in diesem Bereich auf einmal Ineffizienz gefeiert wird: Es ist angeblich toll und beneidenswert, dass ich allein zum Schlafen, Atmen und für die Körperfunktionen 50 % mehr Energie verbrauche als der vergleichbare Durchschnittsmensch, weil ich so viel mehr essen könnte, ohne zuzunehmen - diese Sichtweise ist einfach kaputt.

Was ich gern an andere weitergeben möchte:

  • eure Daten sind nur so gut, wie die Genauigkeit, mit der sie erhoben wurden
  • die Auswertung eurer Daten ist nur gut und hilfreich, wenn ausreichend Vergleichsdaten zur Verfügung stehen - und zwar unabhängig von den Datenbanken der jeweiligen Anbieter
  • medizinische Geräte sind nach wie vor genauer als die im Handel für Normalverbraucher erhältlichen, so zuverlässig die auch wirken mögen
  • es lohnt sich, bei nicht erklärbaren Abweichungen Individualwerte bestimmen zu lassen
  • es lohnt sich, bei ungeklärten Krankheitsbildern eine eigene Datensammlung zu haben, weil sich auf einmal auf Augenhöhe mit Medizinern über vorher Unerklärliches sprechen lässt und gemeinsam Ideen entwickelt werden können
  • in Sachen Lebensmasse: es gibt, auch wenn es gerne bestritten wird, mit derzeitigen Standardmethoden unerklärliche Dinge - zum Beispiel benötige ich augenscheinlich 700 kcal allein für den Ruhegrundumsatz mehr als die Vergleichspersonen der Datenbanken und kann offensichtlich wirklich am besten mit Fett und Eiweiß und ohne Kohlenhydrate überleben. Den Denkanstoß dafür gab vor ein paar Jahren ein Naturheilkundler. :D
    Es lohnt sich also durchaus, ab und an mit offenen Augen nach anderen Wegen zu suchen, auch wenn man eigentlich von nicht anerkannten Methoden nicht viel hält.
  • wir brauchen dringend offene Hardware:
    • die individuellen Werte können z.B. in den fitbit nicht eingegeben werden; der Grundumsatz wird immer aus der vorhandenen Datenbank errechnet
    • wir müssen diese Daten erheben und selbst auswerten und austauschen können, ohne an proprietäre Dienste gebunden zu sein.

Falls jemand Interesse an der Gesundheitssache hat: bitte individuell melden, ich bin da durchaus am Austausch interessiert.
Stichworte: Fibromyalgie, Nitrostress, ATP, Mitochondrien, Kohlenhydratunverträglichkeit