Freies Bewegen im öffentlichen Raum

Mag sein, dass ich gerade überempfindlich bin, weil ich neu herausfinden muss, wie ich nach Umzug und geänderten Anforderungen meine Wege am besten (effizientesten) gestalte und damit einfach noch kein Sicherheitsbauchgefühl aufkommen will. Das sollte nur eigentlich keine Rolle spielen.

Gestern Abend, kurz vor 21:00 Uhr an einer Bushaltestelle in Berlin, Hauptverkehrsstraße, gut beleuchtet, von mehreren Buslinien „bedient“ - also nicht abgelegen. Weitere Menschen warten im Unterstand.

Ich stehe, da an dem Tag bereits genug fremde Menschen in direkter Nähe gehabt, ein paar Meter abseits, Kopfhörer auf, in Gedanken versunken, bemüht, trotz Müdigkeit nicht zu grimmig zu schauen.
Jüngerer Mann stellt sich in die Nähe, kurzer Blickkontakt, keine weitere Interaktion, weiter Musik hören, nachdenken und warten.

Plötzlich Worte, die ich anfangs nicht mal als an mich gerichtet wahrnehme. Dann kommt dieser Mensch direkt an mich heran, spricht mich gezielt an. Kopfhörer ab in der Annahme, dass er eine Frage hat. Dann prasselt ein Wortschwall an Beschimpfungen auf mich ein, nicht geschrieen, eher leise, sehr nachdrücklich mit sehr ernstem Blick vorgebracht; dabei mehrfach der Hinweis, dass er mich gleich vor den nächsten Bus stoßen würde, wenn ich ihm nicht zuhöre. Man würde fremde Menschen nicht anlächeln (ich glaube, das war es, was ihn so aufgebracht hat: der Blickkontakt) und wenn ich ihm nicht zuhören würde, würde ich gleich so aussehen wie die Reifenspuren auf der Straße.

Ich setze die Kopfhörer wieder auf, bewege mich in Richtung Unterstand, er kommt hinterher und redet weiter, deutet immer wieder auf die Reifenspuren, wird lauter: ob ich ihn verstanden hätte.
In meiner LmaA-Stimmung nehme ich die Kopfhörer ab, sage ihm, dass er tun soll, was er nicht lassen kann, setze die Kopfhörer wieder auf, bleibe an der Stelle stehen, warte ja auf den Bus. Mulmiges Gefühl.
Die Menschen im Unterstand sind entweder sehr beschäftigt oder schauen in eine andere Richtung. Kurz die Überlegung, jemanden anzusprechen, aber eigentlich ist ja nichts passiert, nur ein mulmiges Gefühl, eigentlich kein Grund für Panik.

Was gereicht hätte, mir Sicherheit zu vermitteln: eine einzige Person, die mir signalisiert, dass sie die Situation erfasst hat - entweder durch Blickkontakt oder einige Schritte auf mich zu oder vielleicht die Frage, ob alles in Ordnung ist.
Klar riskiert man, sich lächerlich zu machen, wenn man die Situation falsch erfasst hat. Bloß was macht das schon - gehen doch eh alle gleich wieder in verschiedene Richtungen auseinander.

Wir können über Überwachungskameras diskutieren, über geschützte Räume, wir können uns über „Monster“ aufregen - das alles macht es überhaupt nicht besser. Ein einziger Schritt, ein Moment Aufmerksamkeit für eine ungewöhnliche Situation, ein kleines bisschen Mut/Energie aufbringen für eine (wertfreie) Nachfrage würden das Sicherheitsgefühl für alle wesentlich und auf Dauer erhöhen.

Ich kann mir jetzt überlegen, ob ich (scheinbar) sicher U-Bahn fahre und eine Stunde Zeit vergeude, da durch längeren Fußweg, Umsteigen und Fahrgastzahlen nicht für etwas Sinnvolles nutzbar, oder ob ich die mir Angst machende Wartesituation an zwei Bushaltestellen in Kauf nehme und dafür während fast einer Stunde Fahrzeit Dinge aufarbeiten kann.
Bin mir noch nicht sicher. Freies Bewegen im öffentlichen Raum.