Diese Sekundenbruchteile

der Unaufmerksamkeit, die das Leben irreversibel verändern und die man sich nie verzeiht

2004 - bis eben war noch alles gut. Stressig, aufreibend, nervig zum Teil, aber trotzdem gut. Rückblickend: richtig gut.

Donnerstag, abends, zwischen 19:00 und 20:00 Uhr, Dunkelheit, auf dem Rückweg vom Hektik-Not-Kinderschuh-Einkauf in irgend so einem dämlichen riesengroßen Stadteil-Einkaufszentrum.
Im Auto, fahrend, das Kind neben mir gerade geschafft eingeschlafen. Dreispurige Straße, links abbiegen auf dem Weg nach Hause an den Stadtrand. Müde, eigentlich sollte man so nicht Auto fahren. Aber: es wäre ohne Auto alles gar nicht zu schaffen gewesen. An diesem Tag wie an den anderen auch. Der Mann auf irgend so einer Dienstreise, wie so oft, dieses Mal Messe, also länger.

Die letzten Meter noch, heim, das Kind ins Bett bringen; der nächste Tag sollte der letzte Einarbeitungstag in der neuen Firma sein, ab Montag sollte ich die Personalsachbearbeitung inklusive Gehaltsabrechnung in einem Pflegedienst allein übernehmen. Also tausend Dinge im Kopf. Und müde, unfassbar müde.
Links einordnen, sehr breite Straße, Lichter blenden. Langsam vor fahren in den Kreuzungsbereich - war das jetzt Linksabbieger-Grün oder Geradeausfahrer-Grün? Lieber stehen bleiben und noch mal schauen.

Da kommt das Auto, bremst, aber hält nicht an, fährt voll in die Seite vom Micra, lauter Knall, Scheiben splittern, das Kind fliegt im Gurt nach vorn und wird vom Gurt wieder zurückgezogen. Die Wahrnehmung - wie in Zeitlupe, wie im Film.
Will zum Kind greifen, komme nicht ran: der Gurt. Der Rahmen vom Auto ist total verzogen. Das Kind blutet im Gesicht. Es jammert: „Ich will jetzt nicht sterben, Mama, ich will nicht sterben.“ Das einzige, was ich machen kann, ist beruhigend immer wieder zu sagen: „Hey, Du stirbst nicht, keine Angst, Du stirbst nicht. Ich verspreche Dir das. Hier sind viele Leute, die helfen uns.“ Ich komme nach wie vor nicht ran, stecke einfach im Gurt fest. Alles ist so unwirklich.

Draußen stehen viele Menschen und versuchen, die Tür aufzumachen, es gelingt nicht. Verbandsmaterial wird durch das scheibenlose Fenster gereicht und dem Kind auf die - offensichtlich vorhandene - Schnittwunde gedrückt. Ich sehe ja nichts, hänge ja immer noch im Gurt fest, kann nichts tun, außer warten und ruhig mit dem Kind sprechen. Bin wie versteinert.
Die Leute von draußen reden auf mich ein: der Rettungswagen sei unterwegs, Polizei käme gleich, ich solle sitzen bleiben.

Dann kommt der Rettungswagen. Den Sanitätern gelingt es irgendwie, die Türen aufzubekommen, das Kind herauszunehmen, mich aus dem Gurt zu befreien.
Ich bin den beiden heute noch wahnsinnig dankbar: stoisch haben die uns durch die vielen Leute geführt: einer das Kind auf dem Arm, der andere mich am Arm, einfach geradeaus zum Rettungswagen. „Sie kommen jetzt einfach mit, hier kümmert sich jetzt die Polizei um alles, das lassen wir jetzt alles stehen und liegen, machen Sie sich keine Sorgen, Sie kommen jetzt einfach mit.“
Rettungswagen, Sanitäter versorgen uns, lassen mich endlich zum Kind und ich kann die Verletzungen sehen. Schnittwunden auf der rechten Gesichtshälfte, zum Teil Splitter unter der Haut. Wir fahren ins Krankenhaus, Notaufnahme. Zum Glück ein Haus mit Kinderstation.
Pullover soll zerschnitten werden: das Kind ist außer sich. Ich darf mit dort bleiben. Soll Familie informieren. Wen informieren? Ich bin allein mit dem Kind in München, der Mann ist unterwegs in Berlin oder Hannover, bin mir da gar nicht mehr sicher, Messe eben. Familienangehörige, Freundeskreis: alle fast 500 km weg. Okay, dann wenigstens den Mann anrufen. Auf dem Telefon Anrufversuche von ihm, klar, der wundert sich, dass um die Zeit niemand zu Hause zu erreichen ist. Ich rufe zurück, muss irgend etwas gesagt haben wie: „Wir sind im Krankenhaus, hatten einen Autounfall, alles ist gut, mach Dir keine Sorgen.“ Und muss aufgelegt haben - mit Mobiltelefon im Krankenhaus geht ja nicht. Und außerdem war ja die Information übertragen, mehr ging nicht, das Kind wartete ja im Notaufnahmeraum.

OP ist nötig, Narkose ist ein Problem, weil wir ja gerade im Einkaufscenter noch etwas gegessen haben. Was tun? Ich soll entscheiden. Wie entscheidet man da? Örtliche Betäubung und Kind traumatisieren? Narkose und Risiko von Erbrochenem in der Luftröhre eingehen? Ich weiß es einfach nicht. Das Kind schaut mich mit großen Augen an, versteht ja alles und kombiniert die ganze Zeit - das verstehen widerum die Ärzte nicht. Wir entscheiden uns dann für Narkose. Das heißt, ein beherzter Kinderarzt traut sich, mir die Empfehlung zu geben: er würde für sein Kind jetzt entscheiden, dass es eine Narkose bekommt. Und ich unterschreibe dann diese fürchterlichen Papiere.
Begleite das Kind noch bis zur Tür vom OP-Bereich, helfe bei der Medikamentengabe, Tür geht auf, Kind fährt durch, Tür geht zu. Kind ist weg.

Ich stehe alleine auf dem Flur. Eine Krankenschwester kommt und meint, sie wollten jetzt endlich mal nach mir sehen. Diverse Prellungen, ich merke nichts. Ich will nur zu meinem Kind und kann nicht hin, muss warten. Alleine. Der Mann rief zwischendurch an, er würde sich ein Auto vom Kollegen leihen und nach Hause kommen. Irgendwie schaffe ich es, ihm das auszureden: war logisch und rational Blödsinn. Es hätte ewig gedauert, bis er da gewesen wäre, er hätte gar nichts machen können und mir ging es ja soweit gut.

Zwischendurch kommen zwei Polizisten, bringen mir meine Tasche mit Papieren, nehmen Daten und Aussage auf, erklären, dass das Kind sehr gut angeschnallt war, es wäre sonst durch die Frontscheibe geflogen bei dem Aufprall. Sie hätten hinterher eine Verkehrskontrolle durchgeführt, bei der sie mehrere unangeschnallte Kinder festgestellt hätten. Ich solle mir keine Vorwürfe machen.

Vorwürfe. Meine Gedanken rattern. Der Tag war von vornherein viel zu vollgepackt. Eine Stunde Weg zur Kita, von dort eine halbe Stunde zur Arbeit. Langer Arbeitstag, da langer Kita-Tag mit Museumsbesuch. Gut fürs Stundenkonto. Zwischendurch in den Waschsalon um die Ecke, weil die Waschmaschine ausgerechnet jetzt kaputt gehen musste und ich am Samstag mit dem Kind zum Geburtstag der Mutter fahren will. Feststellen, dass das Kind keine passenden Halbschuhe mehr hat. Frühlingswetter und Winterstiefel, das geht gar nicht, du arbeitende Rabenmutter, also noch irgendwie Schuhkauf einplanen. Kind 17:30 Uhr von der Kita abholen, mitten in München, an den Stadtrand nach Hause fahren, zwischendurch ins Einkaufszentrum. Mit der Wäsche im Kofferraum. Selbst kaum was gegessen, müde von der anstrengenden Einarbeitung. Müdes, glückliches Kind, das aus einer Picasso-Ausstellung kam und erzählen wollte. Schön, aber eben auch anstrengend. Schuhe kaufen mit Kindergartenkind. Auch das ohne Theater und Gezerre hinbekommen. Noch gemeinsam entschieden, was wo gegessen wird, gut unterhalten dabei, endlich nach Hause fahren können. Bis dahin war alles gut, richtig gut. Anstrengend, sehr, aber gut. Wir haben immer alles gut hinbekommen.

Dieses Mal hätte ich nicht fahren dürfen. Ich habe genau gemerkt, dass dieser Tag für mich selbst viel zu viel war, und wollte nicht aufgeben. Bin, wie so oft, wieder über alle Körpersignale hinweggegangen, um, wie immer, alles gut hinzubekommen. Alles nur eine Frage der Organisation, Frau Geht-nicht-gibt-es-nicht.
Das war jetzt die Quittung. Nur dass nicht ich im OP lag, sondern das Kind. Das überhaupt gar nichts dafür konnte. Dem der Tag mit Sicherheit auch viel zu viel war, das aber, auch wie fast immer, kooperativ mit mir mitgezogen hat.

Tür geht auf, Kind wird herausgeschoben, Kinderarzt schaut mich freundlich an und sagt, dass alles okay ist, er organisiert hat, dass ich mit dem Kind alleine im Aufwachraum sein kann, wenn ich das möchte. Sicher möchte ich das.
Dann stehe ich neben dem Bett, sehe mein Kind, das noch zierlicher und verletzbarer wirkt, als sowieso schon. Und mir wird klar, wie haarscharf das gerade war.

Da sorgt man sich um so Sachen wie Qualität der Kinderbetreuung, ob Montessori-Schule oder nicht, findet Kleinkram, der die Kinderseele beschädigen könnte, wahnsinnig wichtig und ist dann so unverantwortlich und riskiert wegen Halbschuhen das Leben genau des sonst so umsorgten Kindes. Weil man zu feige und zu stolz ist, sich selbst und anderen gegenüber zuzugeben, dass eigentlich alles zu viel ist, dass man überlastet ist ohne Ende, dass man nur noch funktioniert und nicht ohne Grund kaum noch reden und etwas unternehmen mag. Weil man die Auseinandersetzung nicht führen möchte, weil es doch irgendwie gehen muss, wenn man sich nur anstrengt und wirklich will. Nicht man: ich.
Und ich soll mir keine Vorwürfe machen.

Ab diesem Zeitpunkt geht alles nur noch mechanisch. Es sind schöne Dinge geschehen, zum Beispiel Nachbarn, die geholfen haben, weil wir sie vorher auch unterstützt haben (was mir nicht mal bewusst war), z. B. ein Taxifahrer, der mich zum kaputten Auto auf dem Abstellgelände gefahren hat, um die gesamte Familienwäsche dort rauszuholen (die war wirklich noch da, ein Wunder), und der unglaublich freundlich und hilfsbereit war.
Ich habe drei Tage später, also am Montag nach dem Unfall, meinen geplanten Dienst begonnen - mit Kind im Schlepptau und Rollkoffer, weil ich aufgrund von Prellungen nichts tragen konnte - die Gehälter mussten ja berechnet werden und außerdem war ich so froh, eine qualifizierte Anstellung gefunden zu haben, trotz Kind. Habe also nicht mal im Anschluss dem Kind die Ruhe gegönnt, die es wahrscheinlich dringend gebraucht hätte, sondern habe immer weiter durchgezogen.
So verantwortungslos muss man erst mal sein. Es war aber auch niemand da, der mich gebremst hätte. Alle fanden immer nur bewundernde Worte, wie man sich durchbeißt und alles möglich macht.

Das nächste war dann, dass automatisch Ermittlungen wegen Körperverletzung eingeleitet werden, wenn ein Kind verletzt wird, auch wenn es das eigene ist. Der Mann musste also zur Polizei und dort explizit erklären, dass er auf Strafverfolgung gegen mich verzichtet. Und ich sollte mir keine Vorwürfe machen.
Später wurde festgestellt, dass ich angeblich keinen wirklichen Fahrfehler begangen hätte, Zeugen hätten das so ausgesagt. Im anderen Auto saß eine Fahranfängerin mit drei Freundinnen, die aus Unerfahrenheit nicht gut reagiert hätte, es sei Pech gewesen.

Bloß: ich selbst weiß es besser. Dieser Bruchteil einer Sekunde Unaufmerksamkeit hätte 6 Menschen das Leben kosten können. Und der einzige, der ernsthafte körperliche Schäden genommen hat, war der Mensch, der mir der wichtigste auf der ganzen Welt ist und den ich bis zu diesem Zeitpunkt mit ganzem Einsatz umsorgt und von allen Gefahren von außen fernzuhalten versucht hatte.

Ich sehe das Kind heute noch fast jede Nacht in Richtung Frontscheibe fliegen und höre das „Ich will jetzt nicht sterben“ im Schlaf, komme innerlich nicht zur Ruhe, eine chronische Schmerzkrankheit hat sich verfestigt, unsere Familie gibt es so nicht mehr, weil ich die Geschichte einfach nicht loslassen und nicht mehr vertrauen konnte.
Und dabei ist noch nicht mal etwas wirklich Einschneidendes passiert: ein Autounfall mit leichten Verletzungen, passiert jeden Tag, vielen Menschen. Sich nach so vielen Jahren immer noch verrückt zu machen, ist absolut nicht logisch und angemessen. Das zu wissen macht es nur nicht besser.

Warum jetzt das alles?

Der Gedanke, im Menschengewühl auf einem vermeintlich sicheren Behördengelände mein Kind für eine Sekunde von der Hand gelassen und dann aus den Augen verloren zu haben - unfassbar.
Die Eltern des kleinen Jungen, der auf dem LAGeSo-Gelände verschwunden ist und nicht mehr lebt, hatten einfach nicht mal eine Chance, ihn zu beschützen. Sie haben alles richtig gemacht, wollten Ihrem Kind eine bessere Zukunft sichern, sind dafür Risiken eingegangen, haben es die ganze Zeit beschützen können und verlieren auf endlich sicherem Boden durch Umstände, die sie nicht zu verantworten haben, komplett die Kontrolle.

Wie überlebt man so etwas?

Und: warum kann so etwas hier, mitten zwischen uns, geschehen?