Leicht naive, sehr sentimentale und emotionale Gedanken zu Europa

(nur Bauchgefühle, der Text lässt jede Wissenschaftlichkeit in der Auseinandersetzung mit dem Thema vermissen)

Zur Einordnung:
Ich bin "im Osten" aufgewachsen, meine Eltern sind beide Lehrer, jeweils die ersten Akademiker in ihren Familien; ohne die Förderung von Arbeiterkindern in der DDR wäre es ihnen nicht möglich gewesen zu studieren.
Wir waren eine Kleinfamilie, quasi im Alltag als Familie immer nur zu dritt. Dafür hatten meine Eltern einen Blick für ihr Umfeld: Ungerechtigkeiten wurden so benannt, es war üblich, sich zu Benachteiligten dazu zu stellen und für diese einzutreten - zumindest habe ich das so in Erinnerung, mag sein, dass das auch nur selektiv zutraf. Wir waren in einem Sportverein aktiv, die ganze Familie, irgendwie galt die Reihenfolge Arbeit - Sport - Familiendinge; mein Vater hatte und hat das Talent, in jeden Tag Inhalt für 48 Stunden zu stecken. Es war also immer Action, nie für uns allein, immer für andere mit oder generell für andere, mit Freude, ohne zu murren, weil es Spaß gemacht hat, weil Verantwortung übernommen wurde. Ganz unabhängig von politischen Dingen, gelebte Gemeinschaft, Menschlichkeit.

Wertegefüge war bei uns ganz klar Humanismus. Diese Ost-West-Sache wurde pragmatisch betrachtet: wir leben hier und machen das Beste draus, was uns hier nicht gefällt, gibt es woanders auch. Der Mund wurde aufgemacht gegen Lügen und Ungerechtigkeiten, zum direkten Widerstand ist es nicht gekommen. Grundsatz war, dass man sich von der Stasi möglichst nicht einschüchtern lässt, aber generell versucht, diplomatisch durchs Leben zu gehen. Nie vergessener Ratschlag meiner Mutter: "Wenn Dich einer von der Stasi anspricht, erzähl das hinterher ganz laut ganz vielen Leuten - dann bist Du verbrannt und nicht erpressbar und man wird dir nichts Ernsthaftes tun." Eingebracht hat es mir einen stolprigen Bildungsweg und ein relativ gutes Gewissen.

Zur politischen Wendezeit 1989/90 war da auf einmal Hoffnung: darauf, etwas ganz anders machen zu können. Menschlichkeit für alle, ein echtes Gemeinwesen, Toleranz, Freiheit (also echte persönliche Freiheit). Da gab es viele Verbündete, über Altersgrenzen hinaus, die an "Runden Tischen" zusammengesessen und Pläne geschmiedet haben. Dann die Ernüchterung, als klar wurde, dass die Mehrheit sich für "die schnelle D-Mark" ausspricht und es kein Neuanfang, sondern ein Anschluss werden würde.

Ich habe mich in diesem Gesamtdeutschland nie wirklich zu Hause gefühlt, so wie ich mich auch in der DDR damals nicht zu Hause gefühlt hatte. Die Großkotzigkeit, mit der deutsche Politiker nach außen aufgetreten sind, als ob das, was hier in Deutschland scheinbar funktioniert, auf alle anderen Länder übertragbar wäre. Diese Ignoranz, dass das deutsche Wirtschaftswachstum (und damit der allgemein wachsende Wohlstand) nur auf Kosten anderer Länder möglich ist. Dieser Habitus, den deutsche Mitmenschen im Ausland an den Tag gelegt haben: in den Urlaub fahren und dort deutschen Alltag und deutsches Essen erwarten z.B. (die Stereotype kennt wahrscheinlich jeder). Ich war immer froh, im Ausland nicht sofort als "deutsch" eingeordnet zu werden - woran das wirklich lag, weiß ich nicht. Vielleicht waren wir (also der Mann und ich, später auch das Kind) einfach einerseits zurückhaltender und leiser, andererseits neugieriger und interessierter als erwartet.

Geändert hat sich das, als eine neue Generation sichtbar wurde, die sich als Europäer wahrnahm: auch wieder über Altersgrenzen hinaus, meist Menschen mit bürgerlichem Bildungshintergrund, der häufig der kleinste gemeinsame Nenner für Smalltalk wurde, aus dem sich dann manchmal stundenlange interessante Gespräche ergaben. (Beispiel: in einem griechischen Restaurant mit jungen Schauspielern aus Frankreich auf Englisch über Jonathan Swift diskutiert und über falsche Bilder von Kindheit) Es gab Hoffnung, dass sich über Ländergrenzen hinweg eine gerechtere Gesellschaft gestalten lässt. Dass endlich die Frage nach dem Gestalten, wenn die Wirtschaft eben nicht mehr wächst, beantwortet werden kann.
Das Kind hat in der Grundschulzeit in München exakt diesen "Spirit" verinnerlicht. Es gab einen Klavierlehrer, der zu Hause mit Hilfe von Atlas und Lexikon angeleitet hat, die Europahymne wurde mit Begeisterung hoch und runter gespielt und gesungen. Wir fühlten uns als Europäer (und vielleicht sogar ein bisschen zu Hause in diesem Kulturraum). Im Ausland hatte ich keine Schwierigkeiten mehr zu sagen, wo ich herkomme, es hat sich einfach nicht mehr so dumpfbackig angefühlt.

Und jetzt also wieder alles auf Anfang: ich komme wieder aus einem Land, das schulmeisterhaft belehrend weiß, was gut für alle anderen ist. Das ignoriert, dass der eigene Weg in die Irre führt, dass die Schere zwischen den Einkommen und damit den Entwicklungsmöglichkeiten immer größer wird. Das die Möglichkeiten, die ein freies Netz für die Partizipation aller bietet, einschränkt und weiter einschränken will, mit den aberwitzigsten Begründungen. Das sich nicht nur nicht gegen Überwachung durch andere Staaten wehrt, sondern diese Überwachung auf alle Bürger ausweitet, gleichzeitig aber nicht versäumt, ständig vor den Gefahren der Internetnutzung und digitalen Vernetzung zu warnen. Das es billigend in Kauf nimmt, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit offiziell wieder hoffähig sind. Das innerhalb der EU nicht dafür eintritt, eine tragfähige Lösung eben nicht nur für Griechenland, sondern für uns alle zu finden, die auch als Beispiel dafür taugen könnte, wie generell mit auftretenden Problemen in einer Gemeinschaft umgegangen werden kann.

Das wirklich Schlimme daran: die Volksvertreter haben den gleichen Bildungshintergrund wie wir, sind zum Teil akademisch besser gebildet als wir, sollten als Bildungsbürger den Humanismus, der z.B. mich durch die DDR-Zeit getragen hat, gefrühstückt haben.
Schöne Leitkultur haben wir da - ich pfeife drauf. Die bürgerliche Mitte hat mich endgültig radikalisiert.


Hint:
Das ist definitiv kein Lobgesang auf unser Bildungssystem, eher eine Abrechnung mit dem bürgerlichen Bildungskanon, auf den in Akademikerkreisen üblicherweise nach wie vor so viel Wert gelegt wird und der derart nutzlos ist.
Als kleinster gemeinsamer Nenner für Gespräche taugen Internet-Meme mindestens genau so gut.