Streamingdienste

Ich bin gerade über einen Artikel in der Wired gestolpert: "Digital ist besser / Johnny Haeusler ist gelangweilt von Musik-Streaming-Diensten".
Bei mir ist das gerade ganz anders als bei @spreeblick. Ich hatte genau die Überlegungen mit Gerechtigkeit/Ungerechtigkeit gegenüber den Künstlern vorher und bin erst ziemlich spät zu einem Streamingdienst gekommen (bei mir ist es spotify).

Langweilig? War mir irgendwann die eigene Musiksammlung, in der ich immer nur im eigenen Saft schmorte, trotz @tonspion und den Kulturkolumnen diverser Medien.
Abhilfe schuf der Plattenhändler des Vertrauens (Joschi in Erfurt, ganz, ganz großartig, Woodstock, wenn Ihr mal in Erfurt seid und Musik mögt: hingehen, alles außer Elektro :) ). Der erklärte mir nämlich endlich, dass ich doch mal das hören soll, was ich in den Zwischenjahren verpasst habe, und nicht immer an dem hängen bleiben soll, das ich kenne und das mir eh schon zum Hals raushängt. Und hat jedes Mal meinen Geschmack getroffen. Und gibt einem nicht das Gefühl, mit einem gebrauchten Fahrrad in einem High-Tech-Fahrradladen für Fahrradnerds zu sein.

Bloß: Vinyl ist schwer und nimmt Platz weg. Und das Budget ist dann doch irgendwie beschränkt. CDs mochte ich noch nie, die Staubfänger, meist auch noch ohne Cover-Kunst. In MP3 hatte ich "investiert", allerdings mit Bauchschmerzen wegen der DRM-Geschichte. Wenn ich Musik "kaufe", möchte ich sie auch auf verschiedene Endgeräte bringen und verleihen können etc.

Der Streamingdienst bringt mich über Musik, die mir gefällt/mich anregt/mich bewegt zu anderer Musik, die mir gefällt/mich anregt/bewegt. Und zwar zu uralter und ganz neuer, zu Musik aus allen Genres. Das ist viel mehr, als alle Tonspione und Kulturkolumnen leisten können. Die vorgefertigten Playlisten übersehe ich geflissentlich - die braucht wahrscheinlich wirklich niemand, der Musik nicht nur nebenbei im Hintergrund laufen lässt.

Nächster Punkt: der Streamingdienst verbindet mich über die Entfernung mit Lieblingsmenschen, die mir wichtig sind - das ist fast wie zu Hause, wenn bei mir andere Musik läuft als bei der Folgegeneration und ich dann nachsehe und nachfrage, was das eigentlich ist. Umgekehrt auch. Fördert also die Kommunikation, analog und digital.

Deswegen fließt trotzdem von mir nicht weniger Geld in den Musikmarkt: Konzertkarten, ausgewählte Alben als Vinyl und MP3, ab und an auch mal ein T-Shirt oder Poster zum Verschenken.
Eventuell wäre das ohne den Streamingdienst sogar weniger, weil mein Interesse an Musik außerhalb meiner eigenen Sammlung nicht mehr so stark wäre.

Warum nun Spotify? Weil das für mich zur Zeit der richtige Streamingdienst ist: das Angebot, die Verbreitung, das Bedienen verschiedener Plattformen. Und der Clou: die Verbindung mit Every Noise at Once - das war bei mir der Auslöser, meine Vorbehalte zu überwinden. Hey - mir stehen auf einmal Informationen zur Verfügung, an die ich früher nie herangekommen wäre. Und auf einen Klick bekomme ich Hörbeispiele und kann (häufig) über den Streamingdienst die Originale finden. Teilhabe, wie ich sie mir wünsche.

Selbstverständlich hoffe ich, dass sich das Modell Streamingdienst weiter entwickelt, fairer gestaltet wird und es vielleicht auch mal eine andere Abspielmöglichkeit gibt als diese Apps, die mir die Playlisten auf der Startseite vorsetzen. Das wird nur durch Ignorieren und Nichtbenutzen gar nicht passieren.

Wäre es bei mir allerdings so wie bei @spreeblick, dass ich im Musikthema sowieso richtig tief drinstecken und ganz viel mitbekommen würde, wäre ich sicherlich zur gleichen Entscheidung gekommen wie er. Digital ist besser.