Das mit dem Mutter-Sein

Mein Erziehungsberechtigten-Sein endet in wenigen Stunden, das Elternteil-Sein endet damit selbstverständlich nicht.
Genauso ist der Sohn dann nicht „erwachsen“ (das ist der nämlich schon länger), sondern volljährig - ein gewaltiger Unterschied.

Obwohl ich selbst weiß, dass diese Gedanken unsinniger Unfug sind, bekomme ich die mal wieder nicht aus dem Kopf: Bin/war ich eine gute Mutter?


Was ist eine „gute Mutter“? Keine Ahnung - ich fühlte mich nur häufig in Frage gestellt durch Bewertung/Bemerkungen von außen, oft lapidar dahingesagt. Auf meine Nachfrage kam dann häufig die Antwort: „Na Du bist doch nicht gemeint, Dein Kind ist doch in Ordnung.“ - Na super.


Mit 14, 16, 18 war ich der Meinung, niemals eigene Kinder haben zu wollen. Ich hatte irgendwie verstanden, dass man spätestens über die Kinder erpressbar ist und ich wollte in dem Land, in dem ich aufgewachsen bin und sozialisiert wurde, nicht erpressbar sein.


Dann kam ein Systemwechsel, alles auf Anfang, (ernsthaft) das Gefühl von Freiheit, ein Partner, mit dem das alles machbar schien, älter werden, Hormone etc. und dann war da der gemeinsame Wunsch, ein Kind beim Aufwachsen zu begleiten.
Aus meiner Sicht war das nie die Vorstellung, irgend einem Muttervorbild/irgend einer Mutterrolle gerecht zu werden, sondern der Wunsch, gemeinsam mit einem Kind/Kindern zu leben und gemeinsam mit diesen zu wachsen.


Dieses Kind (leider ist es bei einem geblieben) ist das Beste, Schönste, Großartigste was in meinem Leben passiert ist.
Wir hatten nur ein Problem: Es war von Anfang an alles anders, als es überall beschrieben und erzählt wurde. Und es war verdammt schwer, sich von den angelegten Maßstäben zu lösen und sich zu trauen, diese Maßstäbe selbstbewusst zu ignorieren.
In unserem Freundes- und Bekanntenkreis gab es keine weiteren Kinder; die Freunde hatten gerade neue Hunde- und Katzenbabies, die ebenfalls auf Lammfellen schliefen und auch Kullerspielzeug mit Glöckchen in der Mitte hatten.

Die Elterngeneration hatte Erziehungsvorstellungen und -erfahrungen aus den 70ern oder noch früher, die wir sofort verwarfen. Wirklich hilfreich waren die Bemerkungen von älteren Menschen, von denen wir wussten, dass sie selbst eine gute Beziehung zu ihren erwachsenen Kindern hatten. Die sagten ganz nebenbei so Sachen wie: „auf das Bauchgefühl hören“, „Kinder drangsalieren einen nicht mit Absicht; die weinen, weil ihnen tatsächlich gerade etwas fehlt, und Unglück ist Unglück und fühlt sich immer gleich unglücklich an, egal, wie wir es als Erwachsene bewerten“; „vorleben, alles andere wird sowieso als unehrlich erkannt“. Danke dafür.


Woher kommen die Zweifel? Der Eintrag in der Wikipedia zum Begriff „Mutter“ war da heute für mich ganz hilfreich. Es gibt einfach kein langfristig tragfähiges Modell „Mutter“. „Väter“ haben es da etwas einfacher (nicht ernst gemeint), zumindest wenn man die Länge der Artikel als Maßstab nimmt.


Ich denke, wir haben das ganz gut hinbekommen. Das Kind rief meist „Papamama“ oder „Mamapapa“, wenn es sich in Not fühlte („in Not“ war damals meist eine verrutschte Bettdecke). Und auch sonst ergänzten/ergänzen wir uns ganz gut.


Das „Kind“ war und ist großartig. Es stellte uns immer die richtigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt. Und wenn wir ehrlich waren und alle Interessen gleichwertig betrachteten, fanden wir auch immer (tatsächlich!) eine tragfähige Lösung für alle Probleme. Das war und ist so was von awesome. Danke dafür.


Also: dieses Mutter-Dings ist komplett überbewertet, leider. Ich sehe mich als Elternteil. Wir haben uns alle - Mutter, Vater, Kind - redlich bemüht und alles gegeben, was wir konnten, und wir haben jetzt alle drei einen Blick nach vorn, nicht mehr zwangsläufig gemeinsam, aber irgendwie doch mit Berührungspunkten. Vielleicht ist genau das eine Art „Happy End“.


Was ich im Nachhinein anders machen würde:

- mehr auf meine Bedürfnisse hinweisen und die Erfüllung auch durchsetzen, ohne Rücksichtnahme auf die berufliche Belastung und Anforderungen des Partners und die familienbetriebswirtschaftlichen Belange. Am Ende hilft alles Geld nichts und wären wir z. B. mit weniger Geld eventuell noch als Familie zusammen

- niemals mit dem Gedanken: „Es ist alles nur eine Frage der Organisation.“ mit einem Kleinkind aus einem bestehenden Netzwerk ins Nichts aufbrechen - es geht nichts über die Unterstützung befreundeter Menschen oder der Familie und es ist gar nicht so leicht, so ein Netzwerk an einem neuen Ort aus dem Nichts neu aufzubauen (eventuell hat man überhaupt nicht die Kraft dazu)

- Lösen von dem vorgegebenen „Mutter“-Bild und dem daran messen - ja klar, das Kind ist in mir gewachsen und ich habe das Kind geboren, das ist aber auch das einzige Alleinstellungsmerkmal (ca. 9 Monate gegen 18 Jahre); alles andere war Gemeinschafts“arbeit“: Vater, Mutter, Kind; Kleinfamilie eben, Eltern und Kind, Erwachsene, Heranwachsender, egal, was die gesellschaftliche Norm so vorgibt

- viel mehr Freuen und Genießen statt Zweifeln - die Kinder sind in Ordnung, alle, auf ihre Weise.


Mehr Elts bzw. Eltern als Mütter und Väter - falls jemand nach Rat und Vorschlägen sucht.


Kimya Dawson: All I Could Do

Das mit der Diversität

Diversität, die - Auszug aus der Wikipedia:



„Diversität von Personen – sofern auch rechtlich relevant – wird klassischerweise auf folgenden Dimensionen betrachtet: Kultur (Ethnie), Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Behinderung, Religion (Weltanschauung).[1] Weniger ins Auge fallen eine große Zahl weiterer sozialisationsbedingter und kultureller Unterschiede wie Arbeitsstil, Wahrnehmungsmuster, Dialekt usw., die die Diversität einer Gruppe als ihre kulturelle Vielfalt weiter erhöhen und kontextabhängig ebenfalls der Aufmerksamkeit und ggf. der sozialen Anerkennung bedürfen.[2]“


Ich bin zur Zeit Vorstandsmitglied in einem Hackerspace. Meine Motivation, den Trägerverein mitzugründen und mich dort einzubringen war, in einer 200.000-Einwohner-Stadt Infrastruktur für technikinteressierte Menschen jeglichen Alters, jeglichen Temperaments und jeglicher Identität mit aufzubauen, um dort gemeinsam mit anderen Wissenserwerb und -verbreitung, Freude an Technik, Verlust von Technikangst, Bewusstsein für Netzpolitik und insgesamt erforderliche gesellschaftliche Veränderungen zu fördern und insgesamt ein kleines Stück heile, bessere Welt zu schaffen.


Das funktioniert auch. Im Prinzip. Praktisch bin ich mir da gerade nicht mehr so sicher.


Der Anlass für meine Zweifel: Es hat sich offensichtlich jemand unbehaglich gefühlt. Der exakte Grund ist mir nicht bekannt, den finde ich auch im Moment nicht wichtig, weil so etwas menschlich und individuell ist und immer vorkommen wird.


Was mich ärgert, sind die Reaktionen darauf.
Es gab einen öffentlichen Stoßseufzer eines anderen Vorstandsmenschen, in dem dieser sich sinngemäß die Gründung eines feministischen Hackerspaces oder die Aufnahme in einen solchen wünschte.


Sofort passierte exakt das, was immer passiert, wenn das „F-Wort“ in so einem Zusammenhang fällt: es wird beteuert, dass man nie eine Ausgrenzung erlebt hätte, es werden (spöttisch?) Hackerspaces für verschiedene andere "Gruppen" gewünscht, es wurde ein Twitter-Fake-Account zur Gründung eines feministischen Hackerspaces (sogar schriftlich gegendert) angelegt.


Also das übliche: Lächerlichmachen, das Beteuern, dass es etwas nicht gibt, das man selbst nicht spürt.
Selbstverständlich verspürt man im quasi eigenen Wohnzimmer kein Unbehagen, wenn man sich so verhält, wie man es gern möchte und gewohnt ist. Deshalb ist es ja gerade so wichtig hinzuhören, wenn Signale kommen, dass jemand, der nicht zum eigenen „Kulturkreis“ gehört (wie auch immer der gerade definiert ist) sich unbehaglich fühlt oder etwas nicht in Ordnung findet.


Ausgegrenzt habe ich mich im Space tatsächlich nie gefühlt, für mich ist das nach wie vor einer der Lieblingsorte und ich mag wirklich jedes einzelne Vereinsmitglied und die meisten Besucher auch. Bloß die Gruppendynamik, die sich hier gerade entwickelt, die mag ich ernsthaft nicht.


Unbehaglich ist mir allerdings schon ab und an: wenn Zoten erzählt werden, wenn die üblichen Geschlechterklischees geritten werden (auch wenn ich da sicher nicht mal eingeschlossen bin), wenn der Ton gegenüber Jüngeren irgendwie rechthaberisch ist, wenn über Dinge gelacht wird, die ich eigentlich mit Hilfe dieses Spaces verändern wollte.
Also unbehaglich, wie mir in einer reinen Männerrunde meistens ist, so dass es mir eigentlich kaum noch auffällt, weil ich so sozialisiert wurde und quasi als gute Freundin/guter Kumpel durchkomme und anteilig dazu gehöre.


Wir wollten möglichst viele Menschen erreichen, unabhängig von Alter, geschlechtlicher Identität, persönlichen Eigenschaften. Nur weil niemand etwas sagt, heißt das nicht, dass alles in Ordnung ist - gerade die Betroffenen werden so gut wie nie etwas sagen, wenn sie sich einer "verschworenen Gemeinschaft" gegenüber fühlen. Sie werden nichts sagen, sondern nicht wiederkommen.
Und so hatte ich mir das nicht vorgestellt mit dem offenen Raum und der doch so besonderen Technikkultur, die in einer 200.000-Einwohner-Stadt für so viele unterschiedliche Menschen wie möglich erreichbar sein sollten.
Uns fehlen die anderen Einflüsse und wir sollten froh sein, ab und an dazu daran erinnert zu werden, unseren Status zu prüfen, sonst schwimmen wir demnächst in genau der Alltagssuppe, aus der wir raus wollten.


Anmerkung 1:
Kritik in diesem Punkt heißt nicht, dass der Space schlecht ist: im Space passiert gerade unheimlich viel Schönes, Tolles, Interessantes - mehr, als ich anfangs zu hoffen wagte.


Anmerkung 2:
Selbstverständlich wäre das ganz von selbst anders und einfacher, wenn bereits jetzt eine größere Diversität vorhanden wäre und sich mehr Menschen (einschließlich mir selbst) aktiv einbringen würden. Durch Unachtsamkeit wird sich das nur auch nie ändern.

"Angst essen Seele auf" und "Am Rande des Abgrunds"



Ich las gestern zwei Texte, die gar nichts miteinander zu tun haben, die aber bis heute Morgen im Unterbewusstsein präsent waren. Im Zusammenhang spiegelt sich aus meiner Sicht die Zerrissenheit, mit der viele gerade kämpfen.

Der eine war "Angst essen Seele auf" bei Carta, der andere ein Beitrag im Wikipedia-Kurier unter der Überschrift "Am Rande des Abgrunds".

Zum Carta-Beitrag:

„AfD und Pegida versprechen die Rückkehr in die Vergangenheit.“

Das lese und höre ich immer wieder und habe es auch oft genug selbst so gesagt. Allerdings machen wir es uns mit dieser Sicht zu leicht und sind schon wieder elitär arrogant.

Da AfD-Wähler „die Vergangenheit“ (welche eigentlich genau?) nicht aus eigenem Erleben kennen, könnten sie das zumindest theoretisch durchaus für zukunftsfähig halten.
Ich habe da wenig Austausch und weiß einfach nicht, ob das tatsächlich eine Sehnsucht „nach früher“ ist oder ob da einfach, mit dem Fuß aufstampfend, "stabile Verhältnisse" gewünscht werden (was immer das auch sein mag).

Dann wäre es wie in anderen Situationen auch: Mensch müsste diesen Menschen massiv klarmachen, dass „Mit-dem-Fuß-aufstampfen“ und „Schreiend-auf-den-Boden-werfen“ an der Realität reinweg gar nichts ändern, sondern nur Kraft und Energie verschleudern und man bitte tragfähige Lösungsvorschläge für die Situation unterbreiten möge. Dass „stabile, sichere Verhältnisse“ nicht hergezaubert werden können, sondern gemeinsam entwickelt werden müssen - über Nationalstaaten und Regionen hinaus.

Vielleicht wäre es auch gut, auf allen Kanälen immer wieder aufzuzeigen, wie die Lebenswirklichkeit „früher“ für die Allgemeinheit war, jenseits von allen romantisierenden Geschichten. Konkret an Beispielen darstellen, wo der eigene Platz heute wäre, wenn alles noch „wie früher“ wäre - meiner z. B. mit ziemlicher Sicherheit als Tagelöhnerin auf einem Feld irgendwo in Sachsen-Anhalt.

Vielleicht wäre es ebenfalls gut, immer wieder aufzuzeigen, dass es eine „richtige Politik“ nicht gibt, sondern einfach nur gemeinsam vereinbarte Grundregeln, an denen politisches Handeln ausgerichtet wird, weil einfach niemand vorher weiß, was tatsächlich geschieht und was sich wie auswirken wird. Auch sehr gute Strategien müssen nicht aufgehen - müsste eigentlich jeder schon erlebt haben.

Genauso gut wäre es sicher, immer wieder aufzuzeigen, was heute agierende Generationen in Europa einfach auch für ein Glück hatten, in der Regel von Umwelteinflüssen, Kriegshandlungen etc. verschont geblieben zu sein. Was es für ein Glück ist, in Frieden zu leben, in der Regel ein Dach über dem Kopf zu haben, zum Arzt gehen zu können, nicht zu hungern, die Kinder in die Schule schicken zu können etc.

Vor allem wäre aus meiner Sicht jetzt eins wichtig: immer wieder laut und fordernd auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Menschen zu beharren: Menschlichkeit, weil wir sonst gleich an die KI abgeben könnten.
(Ja, hier kommen die unterschiedlichen Menschenbilder und die Kritik am Humanismusbegriff ins Spiel … ich weiß … aber auch das zu verdeutlichen und zu diskutieren, wäre vielleicht hilfreich.)

„Ihr Erfolg wird durch das dramatische gesellschaftliche Versagen der Digital Natives erleichtert. Mit tollen Ideen denken sie die Zukunft, arbeiten dafür und werden sie auch gestalten. Aber sie halten es nicht für notwendig, in der Öffentlichkeit für ihr Bild unserer Zukunft einzutreten.“

Sorry? „Digital Natives“ als homogene Gruppe, 2016? Ernsthaft?

Ich mache es mir hier jetzt einfach und verweise auf Philippe Wampfler, der das Problem 2014 aus meiner Sicht gut zusammengefasst hat: "Bitte verzichtet auf den Begriff Digital Natives".

Das ist doch jetzt Romantisieren pur: die „Digital Natives“ hätten generell gute Ideen, schafften es nur nicht, die in die Öffentlichkeit zu bringen. Solange wir damit nicht endlich aufhören, wird das nichts.

Da sind eine Menge Menschen, egal, ob „Digital Natives“ oder nicht, die in der Öffentlichkeit für Zukunftsbilder und ihre politischen Positionen eintreten.
Solange nur der gesellschaftliche Diskurs nicht ehrlich geführt wird, dass die „alten“ Bedingungen auch mit Fußaufstampfen nicht aufrechterhalten werden können, dass es also nicht mal eine Folge von „Wollen“ oder Inkompetenz der Verantwortlichen ist, wird da alles Engagement verpuffen.

Dieser Diskurs hätte seit Jahren auf allen Ebenen geführt werden können und müssen, Ulrike Herrmann hat es z. B. 2010 mit ihrer Analyse der deutschen Mittelschicht versucht (Klappentext von "Hurra, wir dürfen zahlen" - Der Selbstbetrug der Mittelschicht).

Das war alles schon so lange spür- und greifbar, allerdings wurde sich vor den heraufziehenden Problemen allgemein weggeduckt, sowohl politisch als auch privat.
Indiz für mich persönlich waren z. B. die sorgsam gepflegten Reihenhausvorgärten in der „Lego-Siedlung“ bei mir um die Ecke, die nach Zeitschriftenvorbildern gestaltet aussehen, und die Anzahl der teuren Outdoor-Spielgeräte in diesen einzelnen Gärtchen. (Hier errichtete man sich eine private Idylle, die vom Einzelnen schwer - oder gar nicht? - erhalten werden kann und die man mit allen Mitteln verteidigen wird, bis hin zum Untergang.)
Auch gut als Indiz: die Diskussionen auf Elternabenden, fast egal, zu welchem Thema: immer wieder standen das Wohl/das Befinden/die Wünsche des eigenen Kindes im Mittelpunkt, fast nie ging es um Strukturen oder Bedingungen für alle.

Warum ich das (eventuell allen Altbekannte?) wieder aufwärme?

Jetzt kommen „die Digital Natives“ mit ihren angeblich tollen Ideen für ein Bild unserer Zukunft ins Spiel:

Zum einen die Feststellung, dass einige der älter werdenden Protagonisten, mit denen ich selbst vor Jahren die Hoffnung auf ein besseres, zukunftsgewandtes Menschen-/Gesellschaftsbild verbunden habe, sich exakt nicht anders verhalten, als der Durchschnitt der Generationen vor ihnen. Der gerade von dieser Personengruppe oft und gern zitierte Douglas Adams brachte das, amüsant verkleidet, auf den Punkt: "I’ve come up with a set of rules that describe our reactions to technologies:".

  • Ich bin der vielen sich immer nur im Kreis drehenden Diskussionen zum Beispiel zu den Themen Datenschutz, Datensammeln, Überwachung etc. so müde. Klar, diese Themen sind extrem wichtig. Aber wir können uns noch so auf Schenkel klopfen aus Freude oder Häme über die Beschränktheit der anderen oder auf die Schulter klopfen aus Freude über kleinere „Siege“ und "unsere Helden" feiern - das ändert für das Leben der Allgemeinheit konkret: nichts. Wir sind noch so ganz am Anfang der Möglichkeiten und schränken uns selbst durch dieses Im-Kreis-Drehen schon so sehr ein.

  • Ich bin so satt von der Überheblichkeit, die immer noch an den Tag gelegt wird, nur weil mensch sich mit Hard- und Software angeblich besser auskennt, dabei aber vergisst, dass das exakt Werkzeuge sind wie alle anderen, solange mensch damit nichts anderes, "weltverbesserndes" erreicht.

  • Wir regen uns seit Jahren/Jahrzehnten über Betriebssysteme auf; mein persönlicher Stand heute: ich kann Auftraggebern gegenüber wunderbar gegen den Einsatz von Windows 10 argumentieren, eine Alternative kann ich ihnen jedoch immer noch nicht anbieten.

  • ...

Zum anderen ist es die Feststellung, dass auch bei digitalen Projekten die Welt kein bisschen anders funktioniert als bei analogen.

Ich brauche bloß an Diskussionen auf Wikimedia-Mitgliederversammlungen zu denken oder im Wikipedia-Kurier oder den Foren zu lesen, um zu sehen und schmerzhaft zu begreifen, dass es auch dort im Endeffekt häufig um Besitzstandswahrung geht und mit dem Argument der Ineffizienz oder Nutzlosigkeit strategische Planungen in Frage gestellt und in die Zukunft gerichtete Projekte lächerlich/klein gemacht werden.

Wir schaffen es also nicht mal innerhalb der eigenen „Blase“, uns verständlich zu machen, unsere Ideen von Zukunft begeisternd zu vermitteln. Wie soll das dann so bei Menschen, die sich über diese Dinge noch nie Gedanken gemacht haben (egal, welcher Jahrgang), funktionieren?

Wenn es nicht endlich gelingt, diese Überhöhung von Technik/Technologie über andere Lebensbereiche aufzulösen und endlich im Alltag mit all den unbequemen und lästigen Erfordernissen und Diskussionen anzukommen, wird das nichts.

Ich zum Beispiel wünsche mir Roboter, die meine zur Zeit langweilige und geistig unterfordernde Haupterwerbsarbeit erledigen, keine Pflegeroboter, die humanoid gestaltet sind.
Es ist nur offensichtlich viel einfacher, bequemer und gesellschaftlich höher bewertet, sich mit der Entwicklung von Pflegerobotern auseinanderzusetzen, als sich die konkreten Fähigkeiten zum Pflegen eines Menschen mit allen Facetten anzueignen und das auch praktisch anzuwenden.

Es sieht momentan so aus, als würde das kleinste gemeinsame Merkmal der Menschheit - Menschlichkeit - an Bedeutung verlieren. Hier können wir von mir aus direkt an die KI/AI übergeben:

„Lieber AlphaGo als Staatsoberhaupt als Frauke Petry.“

(ist sinngemäß von Twitter geklaut, war dort aber auch nicht "ordentlich" zitiert)

Selftracking, BigData und Persönliches

Aus ernsthaften gesundheitlichen Gründen habe ich 2013 angefangen, ununterbrochen einen fitbit zu tragen und die meisten damit erfassbaren Werte zu tracken.
Vorher habe ich ziemlich genau abgewogen, ob ich das wirklich will: meine Körperdaten über einen fremden Dienst „in der Cloud“ aufbewahren und synchronisieren (aus den geschlossenen Geräten kann man die Daten nicht direkt auslesen).
Aufgrund mangelnder praktischer Alternativen habe ich mich dann trotzdem pragmatisch dafür entschieden.

Wie ich das Gerät für meine persönlichen Zwecke brauchbar gemacht habe, habe ich im Sommer auf der Enthusiasticon beschrieben, die Slides sind hier, der Mitschnitt kann hier aufgerufen werden.

Mit Hilfe der erhobenen Daten und entsprechender Vergleiche ist es mir gelungen, eine chronische und als nichtheilbar klassifizierte Erkrankung „in den Griff“ zu bekommen und einen ganz normalen Alltag zu leben.

Ich bin heute sehr froh, damals die Entscheidung gegen Datenschutzbedenken und für „BigData“ getroffen zu haben.

Was ich durch eine sportmedizinischen Untersuchung seit heute sicher weiß:

  • wie schwer meine einzelnen Gliedmaßen und der Rumpf getrennt sind (ich hatte mir nie darüber Gedanken gemacht, dass linker Arm und rechter Arm und linkes Bein und rechtes Bein ernsthaft ein unterschiedliches Gewicht haben, dabei ist das eigentlich logisch),

  • dass ich 1,5 Zentimeter größer bin, als ich immer gedacht habe

  • dass mein Körperfettanteil wesentlich geringer ist, als ich selbst die ganze Zeit gemessen und angenommen hatte, und dass da tatsächlich fast keine Reserven mehr sind,

  • dass ich viel zu wenig Energie aufnehme, obwohl ich mich exakt innerhalb der von Ernährungsberatern vorgegebenen Durchschnittswerte bewege, über den fitbit quasi ein zeitgenauer Abgleich zwischen Aufnahme und Verbrauch erfolgt und mein Körper wahrscheinlich deshalb seit einigen Wochen streikt,

  • dass man tatsächlich leider als schlanker Mensch ganz anders behandelt und ernst genommen wird als als übergewichtiger, obwohl man einen wesentlich schlechteren Gesundheitszustand hat und eigentlich zusammengestaucht gehört,

  • dass in dieser Leistungsgesellschaft in diesem Bereich auf einmal Ineffizienz gefeiert wird: Es ist angeblich toll und beneidenswert, dass ich allein zum Schlafen, Atmen und für die Körperfunktionen 50 % mehr Energie verbrauche als der vergleichbare Durchschnittsmensch, weil ich so viel mehr essen könnte, ohne zuzunehmen - diese Sichtweise ist einfach kaputt.

Was ich gern an andere weitergeben möchte:

  • eure Daten sind nur so gut, wie die Genauigkeit, mit der sie erhoben wurden
  • die Auswertung eurer Daten ist nur gut und hilfreich, wenn ausreichend Vergleichsdaten zur Verfügung stehen - und zwar unabhängig von den Datenbanken der jeweiligen Anbieter
  • medizinische Geräte sind nach wie vor genauer als die im Handel für Normalverbraucher erhältlichen, so zuverlässig die auch wirken mögen
  • es lohnt sich, bei nicht erklärbaren Abweichungen Individualwerte bestimmen zu lassen
  • es lohnt sich, bei ungeklärten Krankheitsbildern eine eigene Datensammlung zu haben, weil sich auf einmal auf Augenhöhe mit Medizinern über vorher Unerklärliches sprechen lässt und gemeinsam Ideen entwickelt werden können
  • in Sachen Lebensmasse: es gibt, auch wenn es gerne bestritten wird, mit derzeitigen Standardmethoden unerklärliche Dinge - zum Beispiel benötige ich augenscheinlich 700 kcal allein für den Ruhegrundumsatz mehr als die Vergleichspersonen der Datenbanken und kann offensichtlich wirklich am besten mit Fett und Eiweiß und ohne Kohlenhydrate überleben. Den Denkanstoß dafür gab vor ein paar Jahren ein Naturheilkundler. :D
    Es lohnt sich also durchaus, ab und an mit offenen Augen nach anderen Wegen zu suchen, auch wenn man eigentlich von nicht anerkannten Methoden nicht viel hält.
  • wir brauchen dringend offene Hardware:
    • die individuellen Werte können z.B. in den fitbit nicht eingegeben werden; der Grundumsatz wird immer aus der vorhandenen Datenbank errechnet
    • wir müssen diese Daten erheben und selbst auswerten und austauschen können, ohne an proprietäre Dienste gebunden zu sein.

Falls jemand Interesse an der Gesundheitssache hat: bitte individuell melden, ich bin da durchaus am Austausch interessiert.
Stichworte: Fibromyalgie, Nitrostress, ATP, Mitochondrien, Kohlenhydratunverträglichkeit

Freies Bewegen im öffentlichen Raum

Mag sein, dass ich gerade überempfindlich bin, weil ich neu herausfinden muss, wie ich nach Umzug und geänderten Anforderungen meine Wege am besten (effizientesten) gestalte und damit einfach noch kein Sicherheitsbauchgefühl aufkommen will. Das sollte nur eigentlich keine Rolle spielen.

Gestern Abend, kurz vor 21:00 Uhr an einer Bushaltestelle in Berlin, Hauptverkehrsstraße, gut beleuchtet, von mehreren Buslinien „bedient“ - also nicht abgelegen. Weitere Menschen warten im Unterstand.

Ich stehe, da an dem Tag bereits genug fremde Menschen in direkter Nähe gehabt, ein paar Meter abseits, Kopfhörer auf, in Gedanken versunken, bemüht, trotz Müdigkeit nicht zu grimmig zu schauen.
Jüngerer Mann stellt sich in die Nähe, kurzer Blickkontakt, keine weitere Interaktion, weiter Musik hören, nachdenken und warten.

Plötzlich Worte, die ich anfangs nicht mal als an mich gerichtet wahrnehme. Dann kommt dieser Mensch direkt an mich heran, spricht mich gezielt an. Kopfhörer ab in der Annahme, dass er eine Frage hat. Dann prasselt ein Wortschwall an Beschimpfungen auf mich ein, nicht geschrieen, eher leise, sehr nachdrücklich mit sehr ernstem Blick vorgebracht; dabei mehrfach der Hinweis, dass er mich gleich vor den nächsten Bus stoßen würde, wenn ich ihm nicht zuhöre. Man würde fremde Menschen nicht anlächeln (ich glaube, das war es, was ihn so aufgebracht hat: der Blickkontakt) und wenn ich ihm nicht zuhören würde, würde ich gleich so aussehen wie die Reifenspuren auf der Straße.

Ich setze die Kopfhörer wieder auf, bewege mich in Richtung Unterstand, er kommt hinterher und redet weiter, deutet immer wieder auf die Reifenspuren, wird lauter: ob ich ihn verstanden hätte.
In meiner LmaA-Stimmung nehme ich die Kopfhörer ab, sage ihm, dass er tun soll, was er nicht lassen kann, setze die Kopfhörer wieder auf, bleibe an der Stelle stehen, warte ja auf den Bus. Mulmiges Gefühl.
Die Menschen im Unterstand sind entweder sehr beschäftigt oder schauen in eine andere Richtung. Kurz die Überlegung, jemanden anzusprechen, aber eigentlich ist ja nichts passiert, nur ein mulmiges Gefühl, eigentlich kein Grund für Panik.

Was gereicht hätte, mir Sicherheit zu vermitteln: eine einzige Person, die mir signalisiert, dass sie die Situation erfasst hat - entweder durch Blickkontakt oder einige Schritte auf mich zu oder vielleicht die Frage, ob alles in Ordnung ist.
Klar riskiert man, sich lächerlich zu machen, wenn man die Situation falsch erfasst hat. Bloß was macht das schon - gehen doch eh alle gleich wieder in verschiedene Richtungen auseinander.

Wir können über Überwachungskameras diskutieren, über geschützte Räume, wir können uns über „Monster“ aufregen - das alles macht es überhaupt nicht besser. Ein einziger Schritt, ein Moment Aufmerksamkeit für eine ungewöhnliche Situation, ein kleines bisschen Mut/Energie aufbringen für eine (wertfreie) Nachfrage würden das Sicherheitsgefühl für alle wesentlich und auf Dauer erhöhen.

Ich kann mir jetzt überlegen, ob ich (scheinbar) sicher U-Bahn fahre und eine Stunde Zeit vergeude, da durch längeren Fußweg, Umsteigen und Fahrgastzahlen nicht für etwas Sinnvolles nutzbar, oder ob ich die mir Angst machende Wartesituation an zwei Bushaltestellen in Kauf nehme und dafür während fast einer Stunde Fahrzeit Dinge aufarbeiten kann.
Bin mir noch nicht sicher. Freies Bewegen im öffentlichen Raum.